Abschied von KoraMotte




Wie kann ich Abschied nehmen, wenn alles so schnell geht? Wie kann ich Augenblicke auskosten, sie bewahren ohne festzuhalten, wenn alles in mir festhalten, ja sich festklammern will?

Ist jegliches Zusammen-Sein ein Abschied nehmen, weil wir nie wissen, wann es vorbei sein kann?


Was mir hilft, ist die Erinnerung, die im Herzen weiter lebt, die mir niemand und keine Umstände nehmen können.

Und auch die Erinnerung wird sich verändern mit der Zeit, wird sich wandeln, denn nichts bleibt, wie es ist, alles ist Veränderung.


Es ist erstaunlich, wie sehr sich manche Lebewesen durch ihr zusammentreffen gegenseitig beeinflussen und inspirieren können.

Das war bei Kora und mir der Fall: sie hat mein Leben wirklich radikal, also von der Wurzel an verändert und beeinflußt und ich das ihre ebenso.


Ich weiß noch genau, wie ich im Herbst 2008 in Paris, wo ich grade ein Theaterstück mit einer französischen Compagnie probte, aus dem Theater kam und auf dem Vorplatz einen Gitarrenspieler hörte. Das Spiel zog mich magisch in seinen Bann und während ich den Klängen lauschte, wußte ich plötzlich, dass ich die Scheckstute, die ich kurz vor meiner Abreise nach Frankreich in einer Lebensgemeinschaft kennengelernt hatte und die ein neues zu hause suchte, dass diese Stute und ich fortan gemeinsam durchs Leben gehen würden.


Nach meiner Rückkehr nach Deutschland und in der Nacht, bevor ich zu Kora fahren wollte, die von jetzt an "mein" Pferd war, träumte ich, dass wir unsere Häute tauschten: sie gab mir ihr Fell und ich ihr meine menschliche Hülle. So erfuhren wir, wie es sich anfühlt, in der Haut, der jeweils anderen zu sein.


Rückblickend war und ist es eine unglaubliche Reise, die wir gemeinsam gegangen sind, innerlich wie auch im Außen, in der wir so vieles mit- und voneinander lernten und teilten.

Es war für mich oftmals kein einfaches Lernen, denn Kora hatte ihre sehr eigenen Lehrmethoden: so stand sie selbst beim Spazieren-Gehen anfangs mehr auf zwei als auf vier Beinen. Sie forderte von mir absolute Präsenz im Hier und Jetzt und sie brachte mich immer wieder dazu, kreative Wege zu finden und das anzunehmen, was sich in dem jeweiligen Moment zeigte, unabhängig davon, ob es mir (oder meinem Ego) gefiel oder nicht. Und so wie sie sich immer ehrlich zeigte, forderte sie auch von mir, ehrlich hinzuspüren, wahrzunehmen und mich zu zeigen.


Unsere ersten Jahre waren geprägt vom Lernen und Reisen, dabei haben wir von Beginn an immer gemeinsam am selben Ort gelebt. Es kam für mich nie in Frage, sie in einen Stall unterzubringen, wo ich sie nur ab und an besuchte. Ich wollte sie wirklich kennen lernen und dafür lebten wir beide in Provisorien: sie mußte sich immer wieder auf neue Pferde einlassen und ich lebte anfangs im Bauwagen, später wieder in der Lebensgemeinschaft, in der ich Kora gefunden hatte, dann einige Jahre mit Wieland zusammen in einer 26m2 Hütte. Wir verbrachten vier Monate mit Praktikum am Niederrhein und später sind wir zwei Mal zum Praktikum zu Bent Branderup nach Dänemark gefahren, wo wir insgesamt fast ein halbes Jahr verbrachten Er war für mich ein sehr guter Lehrer, fachlich ebenso wie menschlich.


So lernten wir gemeinsam vieles über unsere Körper, wie wir gemeinsam tanzen konnten, unsere Körper besser wahrzunehmen und gleichzeitig wuchs Kora´s Ausstrahlung und ihre Präsenz, je mehr sie ihr Gewicht von der Vor- auf die Hinterhand brachte.

Sie zeigte mir auch, wie wichtig es ist, in einer nährenden Beziehung zu leben und ein sicheres zu hause zu haben: durch sie lernte ich Wieland und seine Esel kennen, mit denen Kora schon innerhalb der Lebensgemeinschaft gelebt hatte.

Es ist wohl ihr größtes Geschenk an mich, dass ich durch sie meinen Herzensmenschen kennen und lieben lernte.


Unser Hochzeitsritual bereiteten Wieland und ich auf einer 120km Wanderung mit ihr, Apache und den beiden Eseln vor. Ein weiteres Abenteuer, dass uns sehr geprägt hat.


Ich schenkte Kora eine Herde, in der sie endlich ankommen konnte und in der sie als Leitstute Verantwortung übernahm. Alle zusammen erträumten wir Amalion und kreierten diesen Ort, an dem wir zum Wohle aller Wesen leben und wirken wollten.

Je mehr wir in unsere Kraft kamen, desto weniger "brauchten" wir uns und mit dem Umzug nach Amalion war ich endlich so weit, diesem Pferd, dass auf einem Perdemarkt gekauft wurde und wohl viel zu früh von seiner Mutter getrennt aufwachsen mußte, die größtmögliche Freiheit zu schenken, die ich ihm hier bieten konnte.

Und sie füllte dieses Land so sehr mit ihrer Präsenz und ihrem Wesen, als wäre sie schon immer hier gewesen.

Unsere Verbindung bekam eine unglaubliche Tiefe, über die ich manchmal nur staunen konnte, denn wir machten im Aussen kaum etwas miteinander und waren uns doch so nah. Unsere Verbundenheit war jenseits und unabhängig von dem Erreichen von Zielen und frei von Erwartungen aneinander. Dies war das größte Geschenk, dass wir uns gegenseitig machen konnten und ich lernte endlich von ihr, ein "Nein" bedingungslos als "Nein" zu akzeptieren.


Ihre Ausstrahlung strotzte vor Kraft und Präsenz, selbst wenn sie döste. Sie wachte nicht nur über ihre Herde, sondern über das gesamte Gelände.

Sie war hier angekommen, mit all ihrem Sein und Wesen, sie war hier in Amalion zu hause und sie gestaltete diesen Ort mit.



Wie tief unsere Verbindung reichte, erfuhr ich in unserer letzten gemeinsamen Nacht. Wir wußten beide, dass dies unsere letzte Nacht war, auch wenn ein Teil von mir immer noch auf das Wunder der körperlichen Heilung hoffte, dass die Kolik, so plötzlich sie gekommen war, auch wieder verschwinden würde, wußte doch ein anderer, reiferer Teil, dass es nun die große Lektion des Loslassens zu lernen gab und den Tod als weisen Lehrer anzunehmen galt.

Es ist keine Lektion im Aufgeben, vielmehr eine Lehre in Hingabe an das Leben.


Als Wieland und ich vor der Dämmerung zu den Tieren gingen - dies ist die Zeit, in der die Alten ihr Zusatzfutter bekommen und wir Heu auffüllen - saß Kora wie ein Hund und stöhnte, sie wollte nicht aufstehen. Zwei Stunden zuvor war die Tierärztin zum dritten Mal hier gewesen und hatte noch eine Behandlung durchgeführt.

Ich lief zu Kora und mir wurde in diesem Moment schlagartig bewußt, dass sie bald sterben würde. Bislang hatte ich mich an die Hoffnung geklammert, alles werde wieder gut.


In dem Buch "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende gibt es diese Szene, in dem das Pferd des jungen Helden auf der Reise nach Phantasien im Moor versinkt und stirbt. Da ist dieser Moment, wo der Junge nach Beten und Bitten anfängt, das Pferd zu beschimpfen, weil es ihn alleine zurück läßt auf dieser gefährlichen Reise, völlig von seinem Schmerz überwältigt.

Ich weiß noch, wie ich als Jugendliche geweint habe und diesen Schmerz und auch die Wut so nachempfinden konnte.

Und nun, in diesem Moment, als ich Kora so sah, überrannte mich die Gewißheit, dass sie tatsächlich gehen würde, mich und uns alleine zurück lassen würde, mitten auf unserem Weg, den wir doch gemeinsam hätten gehen sollen.

Von diesem Schmerz überwältigt, warf ich mich ihr an den Hals und bettelte sie an, nicht zu gehen, nicht so und nicht jetzt.

Sie stand wieder auf, stand ganz ruhig da in ihrer unglaublichen Präsenz und bedeutete mir, tiefer zu schauen, als das verletzte Kind, dass ich einst war und ließ Wieland und mich stehen.

Wir wußten: jetzt geht es ums Abschied-Nehmen, wir konnten dies nun annehmen oder uns weiterhin dagegen wehren.


Ich tat, was getan werden mußte, versorgte die restliche Herde. Als ich fast fertig war, stand Kora plötzlich vor mir, außerhalb des Auslaufs. Sie wartete auf mich und wollte mit mir gehen. Ich holte schnell ihr Halfter und sie ging mit mir los über unseren Hof um unser vierzig Meter langes, altes Haus herum. Runde um Runde gingen wir durch die Dunkelheit, an der uralten Linde vor unserem Haus vorbei. Mit jeder Runde senkte sich mehr Frieden in mein Herz und die Verbundenheit mit dieser großen Seele wuchs. Und es war, als würde sie unser zu hause segnen.

Ich weiß nicht, wie lange wir so ums Haus gingen, Zeit dehnt sich in solchen Momenten und vergeht gleichzeitig blitzschnell.


Mit Wieland ging sie später am Abend nochmals diesen Weg und gab ihm dadurch auch die Möglichkeit, tiefer zu schauen.


Als ich in der Nacht wieder zu ihr ging, wartete sie schon auf mich. Kaum war ich bei ihr, ging sie los und ich folgte ihr auf den Hügel, über das Land, dass wir gemeinsam renaturiert hatten und dass wir so sehr liebten.

Wir gingen ein gutes Stück, die Mondin erleuchtete die Nacht, es ging ein kalter Wind, wie so oft hier oben und wir waren ganz alleine hier.

Kurz unterhalb des Hügels hielt sie an und schaute auf das angrenzende Land, in Richtung des Jägerturms auf der Hügelkuppe, der immer schiefer wird und langsam zerfällt, weil er nicht mehr genutzt wird, seitdem wir hier sind. Um den Jägertrurm: zerfurchter Boden, auf dem jedes Jahr Mais angebaut wird und der den Rest des Jahres aufgerissen und verwundbar brach liegt.

Seit Jahren träumen wir davon, dieses Stück Land zu renaturieren und nun stand Kora hier mit mir, schaute auf das Land. Doch wir sahen nicht den Jägerturm, sondern den Kraftplatz, der dieser Ort war: ein großer Birkenkreis mit einem Steinkreis in seiner Mitte. Hier hatte ich zwei Tage zuvor noch getrommelt.

Und wir träumten gemeinsam dieses Land, voller Vielfalt und Leben, das heilte und Heilung brachte.




Ihr rasselnder Atem holte mich wieder zurück ins Hier und Jetzt und gemeinsam gingen wir ein Stück über die Wiese. Nun war es an der Zeit, sie alleine zu lassen, denn Sterben ist ein Prozeß, den jedes Wesen alleine gehen muß.

In alten indigenen Traditionen gibt es ein Ritual, "Die Nacht am Schädelberg", in der man in der Nacht vor seinem Tod Abschied nimt von allem Irdischen und sich vorbereitet, um gut gehen zu können.

Kora nahm Abschied und mein Schmerz hätte sie nur gehindert. So blieb mir nur, unter ihre Decke zu fühlen, ob ihr warm genug war, dann schweren Herzens reinzugehen und den Raum der Möglichkeiten weiterhin offenzuhalten.


Um sechs Uhr am nächsten Morgen stand sie noch ungefähr dort, alleine auf der Wiese, wo ich sie Stunden zuvor gelassen hatte. Der Tod war schon so nah, ich konnte ihn riechen.

Sie wußte, dass mit dem Tagesanbruch, die Tierärztin kommen würde und dass sie dazu nach unten, an den Stall kommen mußte.

Als es ganz hell wurde, stand sie unten am Stall und wartete, während ich die restliche Herde versorgte. Doch es dauerte ihr noch zu lange und sie ging wieder hoch. Als ich endlich den Anruf der Ärztin bekam, dass sie nun unterwegs war, ging ich hoch auf die Wiese, um Kora zu holen.

Sie war bereit und ich konnte nur hinter ihr her stolpern, den Gedanken nicht begreifend, dass ich zum allerletzten Mal mit ihr hier über dieses Land ging. Doch sie war so sicher und ohne Zweifel, dass ich gar keine Zeit hatte, meinem Schmerz nachzugeben.


Die Tierärztin war immer noch nicht da und so gingen Kora und ich ein paar letzte Runden um unser Haus, nebeneinander, den Strick über ihren Rücken gelegt und ich spürte so tiefe gegenseitige Dankbarkeit für die Zeit, die wir JETZT miteinander verbrachten und für alles, was wir gemeinsam erlebt hatten.


Dann kam die Ärztin und Kora war bereit zu gehen, sie war bis zuletzt so stark und präsent und schlief in Wielands und meinem Beisein ein.

Apache konnte vom Auslauf aus zusehen, wie sie ihren letzten Atemzug tat, danach brachte ich ihn zu der Stelle, wo ihr Körper lag. Er schnüffelte an dem leblosen Körper und graste dann um sie herum. Nach einer gewissen Zeit brachte ich ihn zurück in den Auslauf. Erst dort wurde ihm wohl der Verlust seiner Freundin bewußt, denn nun stand er dort und wieherte so laut und klagend in die Richtung, in der ihr Körper lag, dass es mir fast das Herz brach. Erst wollte ich ihn beruhigen, doch ich merkte, dass er ein Recht auf Trauer hatte und diesen Ausdruck brauchte, um mit dem Verlust umgehen zu können, so ließ ich ihm seinen Raum.

Nach einiger Zeit hörte er auf, ging zu den Heuraufen, wo die drei Kleinen waren und ass mit ihnen.

Und ich dankte Kora, dass sie die Herde so gut auf ihren Abschied vorbereitet hatte.


Tiere haben ihr eigenes zyklisches Zeitempfinden, jenseits unserer Einteilung von Uhrzeit, Tagen und Monaten und doch scheint diese Einteilung aus einem ursprünglichen Empfinden von Zeit zu entstammen, als wir Menschen noch mehr in zyklische Abläufe der Natur eingebunden waren.

Genau eine Woche jedenfalls, nachdem Kora gestorben war und ungefähr zu der gleichen Uhrzeit ging Apache hoch auf die Wiese und wieherte nochmals eine ganze Weile hinaus in die Weite. Sein Rufen hallte weit ins Tal hinunter.

Öfter als diese beiden Male habe ich ihn nicht nach Kora rufen hören.


Die Herde sortiert sich neu, jede und jeder geht ein wenig anders mit dem Verlust um und doch sind wir alle noch ein Stückchen näher aneinander gerückt seit Koras Tod, auch Wieland und ich.


Ich habe einen demütigen Respekt vor dem Tod, der so plötzlich und unerwartet kommen kann. Und gleichzeitig kann ich ihn in kurzen, lichten Momenten auch als Verbündeten sehen, der unser Dasein auf das Wesentliche fokussiert, der unsere Beziehungen in tiefer Liebe und Verbundenheit erstrahlen lässt und letztlich einen Raum für neue Erfahrungen und Möglichkeiten öffnet.


Auch wenn es schmerzt, nie wieder Kora´s weiches Fell berühren zu können, nie wieder ihr Grummeln zu hören, wenn sie mich sieht, weiß ich doch, dass der Tod nicht das Ende ist.

In der Nacht nachdem sie ihren Körper verlassen hatte, schickte sie mir eine Nachricht:

"Vertraue, und gehe deinen Weg weiter."


Die Rauhnächte über habe ich mich der Trauer hingegeben, wir haben verschiedene Rituale kreiert, uns immer wieder an Zeiten und Begebenheiten mit Kora erinnert. Draußen, wo sie gestorben ist, brannte bis zum 6. Januar die gesamte Zeit über eine Kerze.

Es waren sehr außergewöhnliche Rauhnächte, Weihnachten und Silvester, traurig, ja, aber eben auch außergewöhnlich intensiv und voller Magie.

Jetzt wächst und gedeiht die Dankbarkeit mit jedem Tag ein Stückchen mehr.


Nun, nach einem Mondzyklus hat sich ein Kreis geschlossen und ich kann diese Geschichte erzählen und die darin enthaltene Weisheit teilen.


Wir sind alle miteinander verbunden und wenn wir irgendwann im Birkenkreis auf dem Hügel stehen, die Vielfalt des Lebens um uns herum spüren, dann wird Kora dort schon auf uns warten.

Bis es soweit ist, werden wir weiterhin mutig träumen, um diese Vision zu manifestieren und sie auch jenseits der Traumzeit Wirklichkeit werden zu lassen.

Zum Wohle aller Wesen.


























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