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Heimweh - die Geschichte meiner Mutter (1)



Wenn du eingehend deine Handfläche betrachtest, siehst du dort deine Eltern und sämtliche Generationen deiner Vorfahren. Sie alle sind in diesem Moment lebendig. Sie alle sind in deinem Körper präsent. Jeder dieser Menschen lebt in dir weiter.

Thich Nhat Hanh



Prolog


Es ist schon einige Zeit her, da bat mich meine Mutter, ihre Kindheitsgeschichte aufzuschreiben. Ich fühlte mich geehrt, dass sie mir diese Aufgabe zutraute und gleichzeitig fühlte ich mich noch nicht wirklich bereit. Ich brauchte noch Zeit, eigene Themen zu klären und mich dem Familiensystem, in dem ich aufgewachsen war, auf meine Weise hinzuwenden.


Im Sommer 2025 lud ich meine Mutter zu uns auf den Hof ein. Sie verbrachte eine Woche hier und während dieser Zeit trafen wir uns regelmäßig und sie erzählte ihre Geschichte. Das Wetter machte es uns leicht, denn es regnete teilweise in Strömen, so dass wir uns wirklich Zeit dafür nehmen konnten.

Ich kannte schon einige Bruchstücke ihrer Geschichte, aber sie so in dieser Intensität und Gänze zu hören, hat mich tief bewegt. Es hat mir ein tieferes Verständnis für meine Mutter gegeben und ich glaube, es hat uns näher zusammen gebracht.

Nach der Abreise meiner Mutter ruhte dieses Projekt wieder eine Weile, denn im Sommer ist nicht die Zeit, um zu schreiben, da gibt es so viele andere Tätigkeiten hier auf dem Hof und das Leben findet im Draußen und im Austausch statt.

Jetzt ist Winter, es ist eisig kalt und es ist ruhiger im Außen. Jetzt ist Zeit, mir alle Aufnahmen, die ich von den Gesprächen mit meiner Mutter gemacht habe, nochmals anzuhören, sie zu sortieren. Nun bin ich bereit, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen.

Ich hoffe, dass ich mit dem Aufschreiben einen Teil zur Heilung des Familiensystems und zur Heilung unserer aller Beziehungen beitragen kann.

Denn dann dient das Erzählen der Geschichte auch der Heilung unserer Beziehung zur Welt. Ich danke meiner Mutter, dass sie zugestimmt hat, diese Geschichte hier zu veröffentlichen.



Frühe Kindheit


Meine Mutter sagt, sie hat kaum Erinnerungen an ihre frühe Kindheit. Wahrscheinlich, sagt sie, habe ich das einfach verdrängt.

In den Wirren des zweiten Weltkrieges, wird Karin Engels im September 1943 in Aachen geboren, so steht es in ihrer Geburtsurkunde.

Irgendwann in den ersten Lebensmonaten wird die kleine Karin im Waisenhaus in Eupen abgegeben, wann genau das war, ist nicht bekannt. Ganz ungewöhnlich ist es für diese Zeit nicht, dass sie im Waisenhaus lebte, denn es gab in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zahlreiche Babys und Kinder, die dort aufwachsen mussten, auch wenn ihre Eltern oder zumindest die Mutter noch lebte. Aber die finanzielle Versorgung der Kinder, vor allem für alleinstehende Mütter, deren Männer im Krieg gefallen waren oder verschollen, war oftmals nicht zu bewerkstelligen und so mussten sie sich von ihren Kindern trennen, damit sie überleben konnten.

Wann genau und aus welchem Grund sich Rosina von ihrer kleinen Tochter trennte, ist ungewiss. Bekannt ist nur, dass Rosina Fürst, die Mutter meiner Mutter, 23 Jahre jung war als sie zum ersten Mal Mutter wurde und dass sie sehr früh aus ihrem kleinen Dorf in Unterfranken ausgezogen war in die Welt und irgendwie nach Aachen kam. Welche Träume mag sie wohl gehabt haben für ihr Leben? Oder wollte sie einfach nur der dörflichen Enge in Bayern entfliehen?

Meine Mutter sagte später über sie, dass ihre Mutter als junge Frau wohl eine Rebellin gewesen war und deshalb ihr Dorf verlassen musste oder wollte.

Karins Vater, gebürtiger Eupener, also belgischer Nationalität, wurde von der deutschen Wehrmacht eingezogen, denn Hitler hatte Belgien annektiert. Er fällt im Dezember 1944. Meine Mutter hat keinerlei Erinnerung an ihn und sie ist bis heute nicht sicher, ob er wirklich ihr leiblicher Vater ist. Da Rosina und er verheiratet waren, wurde die Nationalität des Vaters auf das Kind übertragen, so dass Karin, obschon ihre Mutter Deutsche war und Karin in Aachen geboren wurde, die belgische Nationalität hat.

Zu der Zeit, als Karins Vater im Krieg sein Leben lässt, ist Karin also höchstwahrscheinlich schon einige Zeit im Waisenhaus in Eupen. Ihre Mutter lebt und arbeitet mittlerweile ebenso in Eupen und hat noch einen Sohn zur Welt gebracht, den sie nicht weg gibt.


An das Waisenhaus hat Karin keinerlei Erinnerungen und es war wohl Schicksal und Glück zugleich, dass der Direktor des Waisenhauses der Bruder ihres zukünftigen Pflegevaters war, den sie ihr Leben lang mit „Pap“, also Papa anreden würde.

„Pap“ und „Mam“, Karl und Pauline Hilligsmann, lebten in Kelmis (La Calamine), einem Dorf in der Nähe von Eupen, nah an der Grenze zu Deutschland.

1905 bzw. 1904 geboren, hatten sie schon zwei Weltkriege erlebt und sich versprochen, wenn sie diesen Krieg überleben würden, dann würden sie ein Kind adoptieren. Selber hatten sie einen Sohn und nach einer Totgeburt konnten sie keine weiteren eigenen Kinder mehr bekommen.

Im Februar 1946 kommt die kleine Karin, zu der Zeit 2,5 Jahre alt, zu ihren zukünftigen Eltern.


Pap und Mam wussten, dass die leibliche Mutter noch lebt, doch es wurde eine vom Bürgermeister der Stadt Eupen beglaubigte Erklärung aufgesetzt in der es heißt:


Ich unterzeichnete, Frau Rosina Engels, geb. Fürst, erkläre hiermit schriftlich vor den unterzeichneten Zeugen, dass ich mein Kind, Karin Engels, geb. am 8 September 1943 zu Aachen, heute förmlich an Frau Pauline Hilligsmann, geb. Bütz, Ehefrau von Herrn Karl Hilligsmann, in La Calamine, als ihr Eigen abgebe und meine sämtlichen Mutterrechte an sie abtrete. Ich verpflichte mich, nie wieder an das Kind heran zu treten oder irgend welche Ansprüche oder Rechte auf Karin geltend zu machen.

Gegeben zu Eupen am 27. Februar 1946


Von nun an hatte die kleine Karin ein liebevolles zu Hause, in dem sie zutiefst geliebt, behütet und umsorgt wurde.

Und nicht nur für Karin und ihren sieben Jahre älteren Bruder Theo, das leibliche Kind von Karl und Pauline, war das zu Hause in Kelmis ein Paradies: auch andere Kinder wurden unterstützt. Aus dem benachbarten, nach dem Krieg völlig zerbombten Aachen kamen regelmäßig Kinderbanden über die Grenze, die ausgehungert nach Essbarem Ausschau hielten und ungesicherte Dinge von Grundstücken entwendeten, die sie irgendwie gegen Essen hätten tauschen können. Diese Kinder waren nirgendwo gerne gesehen, keiner wollte etwas mit ihnen zu tun haben. Doch bei Mam und Pap bekamen sie Butterbrote und andere Gaben. Viele Jahre später standen einige dieser Kinder als erwachsene Männer in Kelmis vor der Türe, um sich für diese Wohltaten zu bedanken!

Auch Kinder von flüchtigen Sudetendeutschen, die in provisorischen Baracken hausen mussten, kamen zu Pap und Mam, um sich einige Zeit zu erholen im Rahmen eines Unterstützungsprogramms.

Mam half regelmäßig bei Freunden und Verwandten im Haushalt aus und auch Pap konnte kaum eine Bitte um Unterstützung Abschlagen, so war er beispielsweise bei vielen Nachbarn im Dorf mit der Sense unterwegs, um die Wiesen zu mähen.

Das Haus in Kelmis hatte immer eine offene Tür und eigentlich hätte diese Geschichte hier ein wundervolles Ende haben können, denn Karin war in Kelmis ganz und gar zu Hause angekommen und erlebte eine glückliche und behütete Kindheit.



Der Schatten


Karin war ungefähr sieben Jahre alt, da wunderte sie sich darüber, wieso in ihrem Schulzeugnis der Name Engels stand, wo ihre Eltern doch Hilligsmann hießen.

Natürlich ging sie mit ihrer Frage zu ihren Eltern, die ihr bereitwillig erklärten, dass sie quasi adoptiert sei, aber eben den Namen ihrer leiblichen Mutter trug. Damit war das Thema für mich erledigt, so meine Mutter rückblickend. Denn sie hatte wundervolle Eltern, was sollte sie da eine andere Frau kennen lernen wollen, die angeblich ihre leibliche Mutter war und sie als Baby in ein Waisenhaus gegeben hatte?

Doch vor allem für Mam blieb eine Unruhe und Sorge um Karin, denn sie wusste, dass Rosina in Eupen lebte, also nicht sehr weit weg von Karin.

Mam sorgte sich, wenn Karin ohne Absprache nicht gleich von der Schule nach Hause kam oder später als verabredet, weil sie Angst hatte, Rosina könne das Kind abfangen. Mam und Pap erkundigten sich mehrmals bei einem Anwalt, ob die beglaubigte Erklärung vor Gericht unanfechtbar war, was jedes Mal versichert wurde.

Eines Tages, Karin war ungefähr zehn Jahre alt, stand in der Mittagspause eine Frau am Schultor und ließ sie zu sich kommen. Weißt du, wer ich bin?, fragte die fremde Frau sie. Nein!, sagte meine Mutter, wohl schon ahnend, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte und lief zurück zu ihren Freundinnen.

Zum Schulschluss kam Mam ihre Pflegetochter abholen, denn sie hatte schon erfahren, dass Rosina an der Schule gewesen war – Kelmis war ein Dorf und solcherlei Nachrichten verbreiteten sich schnell.

Der Grund, warum ihre leibliche Mutter plötzlich wieder Interesse an ihrer Tochter hatte, lag allerdings nicht an Neugierde oder gar Sehnsucht, ihre Tochter kennenzulernen. Der wahre Grund lag in der Tatsache, dass der belgische Staat verfügt hatte, allen Hinterbliebenen eine Kriegs- und Waisenrente auszuzahlen. Rückwirkend vom Jahr 1945 an, war dies eine stattliche Summe, auf die Rosina nicht verzichten wollte. Sie hatte jedoch nur Anrecht darauf, wenn Karin bei ihr lebte und nun setzte sie alles daran, ihre Tochter zurück zu holen.

Sie machte vor Pap und Mam keinen Hehl aus ihrem wahren Beweggrund und schlug alle Versuche und Vorschläge von deren Seite aus, das Geld zu nehmen und Karin in Kelmis zu lassen.

Der Streit zog sich hin und gipfelte in einem Termin bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Verviers, bei dem Rosina, Pauline und Karl vorgeladen wurden. Der Staatsanwalt fragte, was aus dem Kind einmal werden solle und Karin´s leibliche Mutter meldete sich gleich zu Wort: sie solle Medizin studieren!, trumpfte sie auf. Pap und Mam waren sehr ehrliche Leute und antworteten wahrheitsgemäß, dass Karin ihr Abitur machen könne, wenn sie dies wolle, sie aber ein weiterführendes Studium nicht finanzieren könnten.

Sie verbauen dem Kind die ganze Zukunft!, war der Kommentar des Staatsanwalts und somit sein Urteil gefällt. Karin selbst wurde weder nach ihrer Meinung gefragt, noch war sie anwesend bei dem Termin. Hätte sie jemand gefragt, sie hätte gesagt, dass sie am Liebsten Kindergärtnerin werden würde und natürlich bei Pap und Mam bleiben wollte, dann das waren für sie ihre Eltern und hier war sie zu Hause.

Um sie nicht unnötig zu belasten, hatten Pap und Mam ihr nichts von all den Streitigkeiten und der möglichen Bedrohung erzählt, doch im März 1955 war das Urteil rechtskräftig und damit die ursprüngliche Vereinbarung ungültig: Karin musste nach Eupen zu ihrer leiblichen Mutter ziehen. Einer ihr fremden Frau, die sie in ihrem Leben erst einmal bewusst gesehen hatte – an dem Tag, als sie sie in der Schule angesprochen hatte.


Der Tag, an dem Rosina ihre Tochter in Kelmis abholte, um mit ihr in den Bus nach Eupen zu steigen, war für alle in der Familie Hilligsmann ein düsterer, schmerzvoller Tag.

Ich kann nur erahnen, wie sich Pap und Mam gefühlt haben müssen, ihre geliebte Karin in die Hände einer, dem Kind völlig fremden, Frau zu geben. Der Schmerz über diesen Verlust muss unvorstellbar groß gewesen sein.


Für meine Mutter war der Abschied aus Kelmis nicht weniger schmerzvoll. Sie erinnert sich, dass Schnee lag und dass ihre Sachen in einer kleinen Kiste gepackt waren, um die eine Schnur gespannt war. Wenn ich daran zurückdenke, sagt meine Mutter, ich weiß überhaupt nicht, wie ich das so verkraftet habe.

Von nun an begann für Karin eine sehr dunkle Zeit.


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