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Heimweh - die Geschichte meiner Mutter (3)


Dies ist der dritte und letzte Teil der Kindheitsgeschichte meiner Mutter.



Hoffnung


Es gab Zeiten, da hatte meine Mutter keine Hoffnung mehr, dass sich an ihrer Situation jemals etwas ändern würde. Mittlerweile war sie seit vier Jahren in Eupen und in diesen vier Jahren hatte sie keinen einzigen guten Tag erlebt, erinnert sie sich rückblickend.


Über Pfingsten 1959 stand wieder eine Reise zur Verwandtschaft nach Bayern an, natürlich ohne meine Mutter, denn sie hatte nur im ersten Jahr als sie in Eupen war, einmal mitfahren dürfen. Wahrscheinlich befürchtete die Mutter, Karin würde wieder nach Kelmis zurück gehen, ließe sie sie alleine in Eupen. Die darauffolgenden Jahre war die Mutter dann anscheinend sicher, dass meine Mutter keinen Mut mehr hatte, nach Kelmis zu fahren, denn Karin blieb fortan zu Hause und sollte das gesamte Haus putzen während ihrer Abwesenheit.


Am Tag vor der Abreise kam in der Fabrik eine junge Frau, Margot, die selber adoptiert worden war und deren jetziger Vater mit Pap zusammen im Telegrafenamt in Kelmis arbeitete, auf meine Mutter zu und überbrachte ihr Grüße von Familie Hilligsmann und die Frage, ob sie sie vielleicht sehen wollte. Meine Mutter fiel aus allen Wolken und eine Hoffnung keimte in ihr auf, von der sie schon nicht mehr geglaubt hatte, dass sie sie jemals nochmal empfinden würde.


Als die Familie mit ihrem Auto los fuhr am ersten Mai, also einem Feiertag, ging meine Mutter zu Margot, die auch in Eupen wohnte. Gemeinsam überlegten sie, wie sie nach Kelmis gelangen könnten, denn um mit dem Bus zu fahren, hatte meine Mutter zu viel Angst, es könne irgendwer sie sehen und anschwärzen. Die Adoptivmutter von Margot kam auf die Idee, mit dem Taxi zu fahren, so dass sie nicht gesehen werden könnten. Margot begleitete meine Mutter und als sie in Kelmis ankamen, Karin am Haus klingelte und Mam aus dem Fenster schaute, war das erste, was Karin beschämt zu ihr sagte nach vier Jahren: kannst du mal das Taxi bezahlen?


Sie verbringen den Nachmittag in Kelmis mit Pap und Mam, doch Karin hat nicht den Mut zu sagen, dass sie geschlagen wird. Immerhin erzählt sie, wieviel sie arbeiten muss und als ob Pap etwas ahnt, sagt er zu ihr: wenn du Prügel bekommst, kannst du sofort hierher zurück kommen.

Und Karin verspricht: wenn ich nochmals geschlagen werde, dann komme ich sofort zu euch.

Ich stelle mir vor, wie sie dort den Nachmittag gemeinsam zusammen sitzen: glücklich, sich endlich wiederzusehen und gleichzeitig ist da so vieles was nicht gesagt werden kann, weil es zu groß und zu schmerzhaft ist, um es auszusprechen.

Bestimmt gab es Gebäck und ein leckeres gemeinsames Abendessen und die Zeit verging wie im Flug.


Die beiden Mädchen blieben so lange wie möglich bei Pap und Mam und nahmen dann den letzten Bus aus Kelmis zurück nach Eupen. Margot ging nach Hause und meine Mutter zog sich schnell um, denn sie hatte sich gute Kleider angezogen für ihren ersten Besuch in Kelmis nach vier Jahren, um dann zu ihrer Stiefoma zu gehen, bei der sie schlafen sollte. Da war es natürlich schon sehr spät am Abend und die Oma fragte sie, wo sie denn gewesen sei? Sie habe im Haus putzen müssen, log meine Mutter, das habe wohl länger gedauert. Da die Oma sie aber besuchen wollte am Tag und sie nicht im Haus angetroffen hatte, fragte sie Karin, ob sie nach Kelmis gefahren sei - und Karin konnte sie nicht länger anlügen.


Die Familie hatte auf dem Weg nach Bayern einen kleinen Unfall mit dem Auto, so dass der Wagen repariert werden musste und die Reise dadurch länger dauerte und so kam es, dass Karin insgesamt fast vier Wochen alleine in Eupen war und immer, wenn sie frei hatte, ist sie nach Kelmis gefahren zu Mam und Pap.

Ihre Stiefoma wurde dabei zu ihrer Verbündeten, sie schwieg über Karins Besuche in Kelmis und an dem Sonntag, als Karin das letzte Mal in Kelmis war, bevor die Mutter am Montag zurückkommen würde, fragte sie Karin, ob sie Geld bekommen habe in Kelmis, was diese bestätigte. Lass es hier bei mir, du bekommst es zu Hause doch nur abgenommen, sagte die Stiefoma daraufhin.



Mut


In der folgenden Woche hatte meine Mutter Spätschicht in der Fabrik und als sie am Montag Abend spät nach Hause kam, waren die Reisenden zurück und lagen schon in ihren Betten – niemand wollte wach bleiben, um Karin zu begrüßen nach dreieinhalb Wochen Abwesenheit.

Um vier Uhr am nächsten Morgen, weckte Rosina meine Mutter, denn sie war im Waschsalon angemeldet, um Wäsche zu machen und da musste Karin natürlich helfen. Schon beim Wäsche-Sortieren schimpfte die Mutter, dass sie ihre aufgetragenen Hausarbeiten nicht ordentlich erledigt hatte in ihrer Abwesenheit. Karin hatte natürlich durch die vielen Besuche in Kelmis kaum Zeit für den Hausputz gehabt, sagte aber gegenüber der Mutter, dass das Wetter so schön gewesen sei, dass sie Spaziergänge gemacht habe.


Als sie wieder zu Hause waren, musste Karin die Wäsche aufhängen, während die Mutter mit den beiden Söhnen frühstückte. Als meine Mutter fertig war und sich zu ihnen an den Tisch setzte, sah sie, dass für sie wie üblich nur zwei Stückchen Brot mit Margarine bereit lagen, während alle anderen Frühstückseier genossen.

Doch etwas war anders als sonst, denn meine Mutter fühlte den Rückhalt aus Kelmis in sich und das bestärkte sie.

Ich will das gleiche essen, was ihr habt!, sagte sie und war selber über ihren Mut überrascht.

Entweder isst du das oder gar nichts!, erwiderte die Mutter prompt und zeigte auf die kargen Stückchen Brot, die vor Karin lagen.

Karin blieb am Tisch sitzen ohne zu essen, wissend, dass es es schon spät wurde und sie eigentlich um 9 Uhr bei ihrer Putzstelle sein sollte, um danach die Spätschicht in der Fabrik anzutreten.

Du musst auch noch die Schuhe putzen, bevor du gehst! meinte die Mutter hörbar gereizt und deutete in Richtung der Kellertreppe, wo die Schuhe standen, die sie auf der Reise mit genommen hatten.

Karin blieb sitzen.

Gehst du jetzt, oder was?

Karin bewegte sich nicht vom Fleck – sie dachte an Kelmis und das gab ihr Kraft.

Da packte die Mutter sie an ihrem Haarschopf, zog sie bis zur Kellertreppe und prügelte sie außer sich vor Wut die gesamte Kellertreppe hinunter. Karins Nase blutete, so dass ihre Kleidung voll war davon. Als die Mutter von ihr abließ, verlangte sie von Karin, dass sie sich die Kleider auswaschen solle, bevor sie zur Arbeit ging. Karin wusch ihre Sachen aus, ließ aber ihren Unterrock an, der auch blutige Flecken hatte.

Und sie wusste: jetzt gehe ich nach Kelmis!


Es muss gegen 9 Uhr gewesen sein, als Karin das Haus in Eupen verließ mit der Absicht, nie mehr wieder hierher zurück zu kommen. Sie wusste, dass ihre Stiefoma jeden Morgen um neun zur Messe ging, also wartete sie vor der Kirche auf sie und erzählte ihr dann, was sich zugetragen hatte und dass sie nun nach Kelmis fahren wolle. Sie bat um das Geld, dass die Oma für sie aufbewahrt hatte, damit sie den Bus zahlen konnte. Die Stiefoma riet ihr, doch lieber zum Friedensgericht in Eupen zu gehen, aber davon wollte meine Mutter nichts wissen: zu groß war die Befürchtung, gleich wieder zurückgeschickt zu werden, nachdem die Behörde den Fall aufgenommen hätte.


Also fuhr meine Mutter nach Kelmis. Als Mam sie sah, wusste sie sofort, dass Karin weggelaufen war und ich stelle mir vor, wie sie sie fest in ihre Arme nimmt und sie einfach nur hält.

Gemeinsam gingen sie zur örtlichen Gendarmerie. Dort erzählte Karin zum ersten Mal ihre ganze Geschichte, alles, was ihr in den letzten vier Jahren widerfahren war. Die Gendarmen hörten sich alles an und telefonierten mit der Staatsanwaltschaft in Verviers, denn dieser Fall war zu groß, als dass sie ihn in ihrer Dienststelle hätten klären können.

Die Staatsanwaltschaft verfügte sofort, dass, bis alles geregelt sei, Karin in Kelmis bleiben durfte.

Ich nehme an, dass es ein wenig Zeit brauchte, bis die Erleichterung und Freude über diese Entscheidung ganz bei Karin und Mam Einzug hielt. Und auch Pap muss außer sich vor Freude gewesen sein, als er von der Arbeit kam und Karin wieder zu Hause war. Gleichzeitig war er auch sehr wütend auf Rosina, was sie ihrem Kind angetan hatte. Wenn sie hier aufkreuzt, wenn ich bei der Arbeit bin, nimm den Besenstiel von hinter der Kellertüre und hau sie kaputt, sagte er zu Mam.

Doch die Mutter ahnte noch gar nichts von der Flucht ihrer Tochter nach Kelmis, denn Karin wäre erst abends gegen 23 Uhr zurück von ihrer Spätschicht in der Fabrik.


Am nächsten Tag kamen vormittags zwei Gendarmen bei Hilligsmann vorbei, um zu schauen, ob alles in Ordnung war, denn Rosina war in ihrer Dienststelle gewesen und sie ahnten nichts Gutes. Wenig später kam dann auch die Mutter und verlangte aufgebracht, dass ihre Tochter sofort mit ihr nach Eupen kommen solle. Doch die Gendarmen erklärten ihr, dass das Kind hier in Kelmis bleiben dürfe, laut Staatsanwaltschaft in Verviers. Ich bin die Mutter! schrie Rosina. Doch sie musste ohne Karin abziehen.


Mehrmals wurde Mam in den nächsten Wochen nach Verviers geladen, um den Sachverhalt zu klären, denn Rosina setzte alles daran, ihre Tochter wieder zurück zu bekommen. Wahrscheinlich wäre sie abermals mit ihrer Rolle, als leidende Mutter, die ihre Tochter zurück haben will, durchgekommen, wenn Karin und Mam nicht als Erste bei der Gendarmerie gewesen wären und diese die Beweismittel aufgenommen und die Sache gleich der Staatsanwaltschaft in Verviers vorgelegt hätten.

Auch wenn noch nichts endgültig entschieden war: vorerst durfte Karin in Kelmis bleiben. Nun wollte sie natürlich nicht mehr nach Eupen in die Tuchfabrik Pelzer gehen, weil sie Sorge hatte, ihre Mutter könne ihr dort auflauern. Daraufhin wurde sie vorübergehend in die Zweigstelle nach Verviers versetzt, da Karin sich dort aber nicht wohl fühlte, besorgten Mam und Pap ihr eine Arbeit im Kamgarnwerk in Eupen. Hier arbeiteten viele Kelmiser und Karin fühlte sich unter ihnen sicher. Kurz vor dem Urlaub – es gab immer noch keinen definitiven Entscheid, ob Karin in Kelmis bleiben durfte - wurde Karin ins Büro gerufen: die Mutter hatte sich dort gemeldet, mit der Anweisung, das Urlaubsgeld von Karin nicht nach Kelmis, sondern zu ihr zu schicken. Karin erzählte also notgedrungen ihre Geschichte, um den Sachverhalt zu erklären und ihr Urlaubsgeld wurde selbstredend nach Kelmis geschickt.


Es waren trotz der Wiedersehensfreude auch bange Monate, denn alle in der Familie Hilligsmann und im Freundeskreis warteten sehnsüchtig auf den Bescheid, ob Karin bleiben durfte. Die Ungewissheit zehrte an den Nerven und die Sorge, dass Karin vielleicht doch wieder zurück nach Eupen müsse, raubte Energie.

Eines Tages kam Mam sehr verzweifelt aus Verviers zurück, weil die Mutter beim Staatsanwalt wiederholt erzählt habe, wie sehr sie sich wünschte, dass Karin Medizin studieren könne und wie sehr sie ihr fehlte, sie weinte und flehte, man möge ihr doch das Kind nicht wegnehmen.

Wieder warten, wieder nachfragen, wieder Hoffen und Bangen.

Erst im September, nach fast vier Monaten, seitdem meine Mutter aus Eupen geflohen war, kam endlich der Bescheid: meine Mutter wurde emanzipiert, also für volljährig erklärt und durfte somit frei wählen, wo und bei wem sie leben wollte – und ihre Entscheidung war natürlich klar.


Es waren ungewisse Monate gewesen und es stellte sich heraus, dass die ersehnte Bescheinigung schon Anfang August 1959 ausgestellt worden war – sie hatte danach noch wochenlang in einem Büro der Verwaltung gelegen.

Doch letzten Endes war es gleichgültig, denn wichtig war nur, dass Karin jetzt und in Zukunft in Kelmis bleiben durfte. Ihre Mutter konnte ihr nichts mehr anhaben und Karin war endlich wieder sicher zu Hause, bei Pap und Mam.



Epilog


Meine Mutter ist sich sicher, dass sie die vier schrecklichen Jahre, die sie in Eupen bei ihrer leiblichen Mutter verbringen musste, nur deshalb so gut überstanden hat, weil sie nach ihrer Rückkehr nach Kelmis so gut aufgefangen wurde und bei Pap und Mam ein so liebevolles, sicheres zu Hause fand. Alle waren überglücklich, dass sie wieder zusammen waren, auch ihr Bruder Theo, der, sieben Jahre älter als Karin, zu der Zeit zwar nicht mehr zu Hause wohnte, aber trotzdem einen guten Kontakt zu ihr hatte.

Meine Mutter sagt, sie wurde zwar verwöhnt, aber nicht verzogen, wobei ihr Pap eigentlich keinen Wunsch abschlagen konnte, zu lange hatte er auf seine Karin verzichten müssen.

Von der ersten Auszahlung der Waisenrente, bekam meine Mutter das schönste Fahrrad im Geschäft, erinnert sie sich, mit mehreren Gängen und zwei Rückspiegeln. 

Sie traf wieder ihre alten Freundinnen aus Kelmis, ging auch wieder zur Patro, ähnlich den Pfadfindern, und wurde später dort auch Leiterin, was sie sehr erfüllte.

Sie konnte offen mit den ihr nahestehenden Menschen sprechen, über das, was ihr widerfahren war, denn jetzt fühlte sie sich sicher und brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Gleichzeitig wollten nun alle nach vorn schauen in eine schöne gemeinsame Zukunft und das Vergangene ruhen lassen.

Aus diesem Grund verzichteten sie wohl auch darauf, die Waisenrente rückwirkend von Rosina einzuklagen, denn eigentlich wäre die Mutter verpflichtet gewesen, dieses Geld für Karin anzulegen, was sie jedoch nie gemacht hat.

Mam besorgte Karin zügig eine Stellung in einem Haushalt, wo sie die Kinder betreuen und die Hauswirtschaft machte, denn sie mochte nicht, dass Karin weiter in die Fabrik ging.

Später bekam sie eine Anstellung in Aachen und arbeitete mit zwei weiteren Kelmiser Freundinnen als Bürokraft für eine große Buchhandlung.


Insgesamt, sagt meine Mutter, hatte sie eine wunderschöne Kindheit und Jugend in Kelmis und alles, was sie heute ausmacht, alle Werte und ihre positive Einstellung zum Leben, haben ihr Pap und Mam vorgelebt und dafür ist sie den beiden zutiefst dankbar. Die vier Jahre in Eupen kommen ihr rückblickend ganz unwirklich vor.

Und Mam sagte manchmal, dass es vielleicht gut gewesen ist, dass sie ihre leibliche Mutter auf diese Art und Weise kennengelernt hat. Wer weiß, vielleicht hätte sie sonst einem Leben nachgetrauert, dass sie sich mit ihrer Ursprungsfamilie ausgemalt hätte. Allerdings, sagte Mam, hätte es nicht vier Jahre dauern müssen, diesen Schmerz und diese lange Zeit der Trennung hätte sie ihr gerne erspart.

Pap starb leider viel zu früh, mit 61 Jahren, an Magenkrebs, eine Woche nach der Hochzeit meiner Mutter. Die Krankheit war wahrscheinlich eine Folge der Jahre voller Sorge und Trauer um seine Tochter Karin.

Mam wurde 94 Jahre alt und ich habe sie als meine wundervolle Oma in Erinnerung. Tragischerweise wurde sie von ihrem leiblichen Sohn Theo in ein Altersheim abgeschoben und ihr Haus mit dem schönen Garten verkauft. Meine Mutter hatte keine rechtliche Handhabe dagegen, da sie nie offiziell adoptiert worden war. Als Erinnerung an sie bleiben meiner Mutter die Tagebücher, die Mam im Heim geschrieben hat, um ihre Geschichte festzuhalten.


Und Rosina? Sie lebte bis zum Tod ihres zweiten Mannes weiterhin in Eupen, versuchte auch später, als meine Mutter schon verheiratet war, einige Male Kontakt zu ihr aufzunehmen, aber meine Mutter hatte mit ihr abgeschlossen. Dass sie mich in ein Waisenhaus gegeben hat, dass kann ich ihr verzeihen unter den damaligen Umständen, aber die Jahre in Eupen und wie sie mich behandelt hat, dass kann ich ihr nicht verzeihen, sagt meine Mutter.

Und doch bleibt die Frage nach dem warum. Aus welchem Grund, aus welchen traumatischen Erlebnissen heraus, kann eine Mutter ihre Tochter so behandeln?

Rosina starb 87 jährig in der Nähe von Essen als dreifache Witwe und zum vierten Mal verheiratet. Ihre Dämonen haben sie wohl am Ende ihrer Tage eingeholt, denn sie muss sehr verwirrt gewesen sein. Die Tochter ihres vierten Mannes erzählte, sie habe einmal mit einem Revolver hantiert und sich Unmengen von Dingen schicken lassen, die sich täglich anhäuften.

Bis zum Schluss hegte meine Mutter eine leise Hoffnung, vielleicht doch noch irgendeinen Hinweis, eine Notiz oder einen Tagebucheintrag zu finden, der Rosina´s Verhalten ihr gegenüber zwar nicht entschuldigen, aber doch wenigstens ansatzweise erklären könnte. Doch sie hat ihr Geheimnis nie preisgegeben.

Nach ihrem Tod wurde meine Mutter gemeinsam mit ihrem Bruder und Halbbruder zu einem Notar in Düsseldorf geladen. Sie bekam anteilig 3000 € am Erbe ausgezahlt, denn sie war laut Gesetz immer noch ihre Tochter.

Es war ein schwaches Schmerzensgeld für das Leid, dass Rosina ihrer Tochter angetan hatte.



Mark Wolynn schreibt in seinem Buch Dieser Schmerz ist nicht meiner – wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen:

Die Geschichte, die Sie mit Ihrer Familie teilen, beginnt schon vor Ihrer Empfängnis. Als Ihre Großmutter mit Ihrer Mutter im fünften Monat schwanger war, war die Vorläuferzelle der Eizelle, aus der Sie hervorgingen, bereits in einem der Eierstöcke Ihrer Mutter vorhanden. Das heißt, noch bevor Ihre Mutter geboren wurde, waren Ihre Mutter, Ihre Großmutter und die frühesten Spuren von Ihnen selbst alle in ein und demselben Körper – drei Generationen mit dem gleichen biologischen Umfeld.

Wir sind also alle miteinander verbunden: ich existiere, weil meine Großmutter meine Mutter zur Welt gebracht hat und meine Mutter mich. Was meine Großmutter Rosina erlebte, als sie mit meiner Mutter schwanger war, hat Spuren bei meiner Mutter und ebenso bei mir hinterlassen, denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir mit unseren biologischen Vorfahren auf zellulärer Ebene verbunden sind und auch ein bestimmtes Bewusstsein teilen.

Wenn ich auf die Geschichte meiner Mutter zurück schaue, dann entdecke ich neben aller Tragik und der heilsamen Unterstützung, die sie durch so wundervolle Menschen wie Mam und Pap erhalten hat, auch eine enorme Kraft und Willensstärke.

Diese Kraft und Willensstärke sehe ich bei meiner Mutter genauso wie bei meiner Großmutter - und diese Kraft fließt auch durch mich als die nachfolgende Generation.

Es ist eine Gabe, die ich vererbt bekommen habe, von denen, die vor mir gingen. Ich habe nicht darum gebeten und doch fließt diese Kraft durch mich – und sie birgt eine gewisse Verantwortung. Denn, was immer in der Vergangenheit auch passiert sein mag, es ist jetzt meine Entscheidung, wie ich diese Kraft einsetze: destruktiv und zerstörerisch oder aufbauend und zum Wohle des Großen Ganzen.


Wir alle tragen ein Erbe aus unseren Familiensystemen in uns und es ist an uns, die wir noch leben, uns dem bewusst hinzuwenden: anerkennen und würdigen, was war, Verstrickungen lösen und zurückgeben, was nicht zu uns gehört.

Die Gaben und Talente anzunehmen, die durch unsere Vorfahren zu uns kommen und Dankbarkeit zu kultivieren.

Rosina hat ihre Entscheidung unwiderruflich getroffen, doch wir haben noch die Möglichkeit, unser Wirken in der Welt und unsere Einstellung zum Leben jeden Tag aufs Neue kritisch zu hinterfragen und uns zu entscheiden: für die Heilung unserer Beziehungen, für das Leben und die Liebe.


Oder, wie Mark Wolynn am Ende seines Buches schreibt:

Das größere Geheimnis lautet, dass da eine große Liebe war, die die ganze Zeit über nur darauf wartete, ans Licht befördert zu werden. Es ist die Liebe, die von denen weitergegeben wurde, die vor Dir kamen – eine Liebe, die darauf besteht, dass Du Dein Leben voll und ganz lebst, ohne die Ängste und die Schicksale der Vergangenheit zu wiederholen. Es ist eine tiefe Liebe. Es ist eine stille Liebe, eine zeitlose Liebe, die Dich mit allem und allen verbindet.

Und sie ist eine höchst wirkungsvolle Medizin.



Danke, Mama, für dein Vertrauen, deine Liebe und deine Stärke!




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