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Heimweh - die Geschichte meiner Mutter (2)


Dies ist der zweite Teil der Kindheitsgeschichte meiner Mutter.



Tagaus, tagein – kein Glück, kein Heim


Karin wurde von heute auf morgen aus ihrer gewohnten Welt gerissen und war plötzlich umgeben von ihr wildfremden Menschen, die jetzt ihre Familie sein sollten. Rosina hatte wieder geheiratet und so lernte meine Mutter ihren Stiefvater, ihren Halbbruder (geboren 1947) und ihren Bruder (geboren 1944) kennen. Außerdem gab es da noch die Großeltern väterlicherseits, bei denen sie jedoch nur ein einziges Mal zu Besuch war, während ihr Bruder intensiven Kontakt hatte, sowie die Stiefoma, bei der sie ab und an war.


Sie musste nun in Eupen in die Schule gehen, hatte also nicht nur ihre Familie sondern auch all ihre Freunde und Freundinnen verloren.

Es war furchtbar, sagt sie über diese Zeit. Sie war zwar schnell sehr beliebt in der Schule, aber sie fühlte sich fremd und sehr einsam.

Eigentlich war vereinbart, dass Karin jeden Mittwoch Nachmittag nach Schulschluss nach Kelmis fahren durfte. Doch nach einem einzigen Besuch dort, durfte Karin nie wieder hin und sie durfte auch nicht mehr über Kelmis sprechen.


Meine Mutter hat rückblickend das Gefühl, dass Rosina eifersüchtig war auf ihre Beliebtheit und Karin bekam nach und nach immer mehr Hausarbeiten aufgebürdet, die sie nach der Schule erledigen musste. Außerdem bezog sie immer öfter Prügel, wenn die Arbeiten nicht ordentlich genug ausgeführt waren.

Meine Mutter erinnert sich, wie Rosina im Winter am Ofen saß und las, während meine Mutter putzen musste oder am Abend stopfen. Oder, dass die Mutter mit dem Finger über die Fußleisten strich und schimpfte, dass das Haus nicht sauber genug war.

Auch im Sommer, erinnert sich meine Mutter, dass ihre Brüder ins Freibad gehen durften, aber sie nicht, weil sie die Hauswirtschaft erledigen musste, denn es gab auch noch Feriengäste im Haus, die sich während des Sommers einmieteten.


Rosina arbeitete als Köchin für private Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Geburtstage. Auch hier musste meine Mutter am Wochenende und an schulfreien Tagen mit arbeiten und die Gäste bedienen.

Alle Einkünfte, selbst das Trinkgeld, dass Karin bei solchen Festlichkeiten bekam, forderte Rosina von ihr ein.


In der Parallelklasse an ihrer Schule war ein Mädchen aus Kelmis, dass manchmal Briefe oder Schokolade mit brachte von Mam und Pap, was für Karin ein kleiner Lichtblick war. Karin traute sich jedoch nicht in den Briefen, die sie zurück schrieb, offen zu sagen, wie es ihr wirklich erging in Eupen, zu groß war die Angst vor der Mutter. Immerhin erwähnte sie, als sie im Winter keine langen Hosen tragen durfte, dass ihr kalt wäre und Mam ließ ihr ein paar dicke Socken zukommen, die sie wenigstens in der Schule überziehen solle. Doch die Mutter erfuhr von dem Kontakt mit Kelmis und veranlasste sofort einen Schulwechsel.


Fortan musste Karin in die Volksschule gehen, wieder eine neue Klasse mitten im laufenden Schuljahr mit ihr fremden Menschen. Hier in der Volksschule war das Lernniveau deutlich niedriger als in der vorherigen Schule und Karin war unterfordert. Doch viel schlimmer war, dass es keine Möglichkeit mehr gab, mit Pap und Mam in Kontakt zu treten. Tragischerweise haben die beiden gedacht, Karin hätte sich nun in der neuen Umgebung gut eingelebt und so schwer es ihnen auch viel, sie wollten nicht durch einen Besuch oder Kontakt alte Wunden aufreißen, während Karin sich in Wirklichkeit nach ihren Eltern in Kelmis sehnte.


Meine Mutter erinnert sich an ein Ereignis im Jahr 1958, da richtete Belgien die erste Weltausstellung nach dem zweiten Weltkrieg in Brüssel aus und von der Schule wurde ein Ausflug dorthin organisiert. Die Schüler und Schülerinnen brauchten lediglich 5 Belgische Franken Selbstbeteiligung zu errichten für die Klassenfahrt, das sind heute 12 Cent! Doch meine Mutter bekam keine Erlaubnis, teilzunehmen. Selbst als die Klassenlehrerin vorschlug, sie brauche nichts zu zahlen, durfte meine Mutter nicht mit fahren - als Einzige aus ihrer Klasse.


Es war ein liebloses zu Hause, in dem meine Mutter immer öfter Schläge von Rosina bezog, sobald Karin Arbeiten nicht zügig oder sorgfältig genug erledigte. Auch für ihre Brüder wurde sie schnell zum schwarzen Schaf der Familie, sie bekamen es von ihrer Mutter vorgelebt. Ich war Dienstmädchen in diesem Haus, nicht Schwester oder Tochter, erinnert sich meine Mutter. Niemand aus der Familie traute sich, dagegen etwas zu unternehmen. Als ihr Stiefvater einmal eingreifen und sie verteidigen wollte, beschuldigte Rosina ihn, sich an dem Kind vergriffen zu haben, so dass auch er die Mutter fortan gewähren ließ und sich nicht mehr einmischte.


Die Volksschule endete mit Abschluss der 8. Klasse, danach gingen die meisten Kinder in die Fabriken der Umgebung, um dort zu arbeiten und nachdem meine Mutter die 8. Klasse beendet hatte, sollte auch sie in einer Fabrik arbeiten gehen.

Eine Arbeit fand sie in der Tuchfabrik Pelzer in Eupen, sie fing gleich nach den Betriebsferien im August an, doch es kam schnell raus, dass sie noch keine 14 Jahre alt war und so musste sie bis zu ihrem Geburtstag im September warten, was die Mutter wieder zu Wutausbrüchen verleitete.

Einen Tag nach ihrem 14. Geburtstag, der in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, stand meine Mutter in der Fabrik, anfangs in der Tagesschicht und später dann Früh- und Spätschicht im Wechsel. Täglich musste sie pro Strecke eine dreiviertel Stunde Fußweg zurücklegen, um zur Arbeit zu gehen und wieder zurück. Ihren hart erarbeiteten Lohn musste sie komplett an die Mutter abgeben.

Die Frauen in der Fabrik waren sehr freundlich zu ihr, aber auch hier erzählte Karin niemandem von ihrer Situation zu Hause. Die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun oder auf sonst irgendeine Weise die Wut der Mutter auf sich zu ziehen, war allgegenwärtig.

Ihre Pausenbrote isst sie schon vor der Pause, weil sie nicht möchte, dass jemand bemerkt, dass sie nur Margarine auf dem Brot hat und keinen Belag.

Neben der Angst sind Hunger und Erschöpfung ihre täglichen Begleiter: zu Hause leckt sie alle Töpfe aus, bevor sie sie abwäscht und als es zwischenzeitlich wenig Arbeit in der Fabrik gibt und sie stempeln gehen muss, organisiert die Mutter zwei Putzstellen für sie.

Als dann die Fabrik wieder genügend Aufträge hatte, musste sie die Putzstellen beibehalten, neben dem Schichtdienst in der Fabrik, der Hausarbeit und den Wochenendveranstaltungen, bei denen sie nach wie vor die Gäste freundlich bediente. Es war ein unglaubliches Arbeitspensum, dass meine Mutter zu leisten hatte, wobei sie alle Wege – sommers wie winters – zu Fuß zurücklegte.


Meine Mutter erinnert sich, dass sie im bitterkalten Februar alle Fabriken der Umgebung ablaufen musste, um nach Arbeit zu fragen, weil es in der Tuchfabrik wieder nicht genügend Aufträge gab und sie erinnert sich an das dauernde Hungergefühl und die Angst – und an die Wut ihrer Mutter, als sie erfolglos, ohne Arbeit zurück nach Hause kam.

Karin führte ein Leben wie Aschenputtel, nur, dass weit und breit kein Prinz, der sie retten würde, in Sicht war. Eine tiefe Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit und in ihrer Verzweiflung ging sie davon aus, dass Pap und Mam nichts mehr von ihr wissen wollten.

Dabei war Pap über die Trauer des Verlustes mittlerweile magenkrank geworden und auch Mam war tief verzweifelt, dass sie Karin verloren hatten. Und ihr Bruder Theo, vermisste sie so sehr, dass er eines Winterabends Steinchen an das Dachfenster warf an dem Haus in Eupen, doch meine Mutter hörte zwar etwas, konnte aber nichts sehen im Dunkeln. Nur die Mutter sah die Spuren im Schnee am nächsten Tag, dort, wo sonst niemand lief und sofort war der Ärger wieder groß und die Mutter verdächtigte sie, schon mit Jungs anbandeln zu wollen.


Meine Mutter wurde immer ängstlicher und hoffnungsloser.

Sie kann nicht sagen, welche Kraft sie durch die Zeit getragen hat. Vielleicht war es das tägliche Gebet zur Mutter Gottes und zum heiligen Antonius, dem Heiligen, der einem verlorene Dinge wiederbringen kann - denn meine Mutter hatte etwas sehr wertvolles verloren: ihr zu Hause.

Sie schrieb kein Tagebuch, aus Angst, die Mutter könne es finden und sie sprach in den ganzen Jahren mit niemandem über ihre Situation. Sie pflegte keine Freundschaften, nur die Kontakte in der Fabrik, die sie allerdings als sehr gut empfand, aber auch hier sprach sie mit niemandem über sich.

Sie weinte sich oft in den Schlaf, wenn sie völlig erschöpft im Bett lag. Und wenn sie mal allein im Haus war, weil der Rest der Familie in Urlaub in Bayern war, dann legte sie das Lied Heimweh von Freddy Quinn auf den Plattenspieler, der im Wohnzimmer stand – und den sie eigentlich nur zum abstauben berühren durfte.


So schön, schön war die Zeit

kein Gruß,

kein Herz

kein Kuss

kein Scherz


Viele Jahre schwere Fron,

harte Arbeit, karger Lohn,

Tagaus, tagein,

kein Glück,

kein Heim.

Alles liegt so weit, so weit


– sang Freddy Quinn und meiner Mutter zerriss es das Herz.

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