Hirschträumerin

Aktualisiert: 11. Dez. 2021


Die dunkle Zeit, in der die Abende und Nächte lang sind, ist die Zeit der Geschichten.

Geschichten entstehen beim sanften Licht der Kerzen, sie sind scheu: im grellen Licht, dort, wo jeder Winkel ausgeleuchtet ist, ziehen sie sich zurück und verstecken sich. Sie brauchen das Geheimnisvolle und die Stille, um sich zu zeigen.

Im schnelllebigen Alltag können sie nicht bestehen.

Wenn wir still werden, können wir den Geschichten lauschen, wie dem sanften Fallen der Schneeflocken und ihre Weisheit empfangen. Alles, was es braucht, ist unsere Bereitschaft, zur Ruhe zu kommen, bis sich unsere Sinne öffnen. Dann können wir ganz in die Geschichte wie in ein wärmendes, sanftes Wasser eintauchen und uns berühren lassen bis in jede Zelle, bis auch unsere Seele sanft berührt wird.

Indem wir uns berühren lasssen, trinken wir Weisheit.

Dann können wir unsere Flügel weit ausbreiten und uns fallen lassen.

Der Wind wird uns tragen.

Und wir werden tanzen.

Mit allen Elementen.

Mit all unserem SEIN.

Im Rythmus des Lebens.

Für all unsere Lieben.

Und zum Wohle aller Wesen.





Im Herbst riefen mich die Tiere des Waldes zu sich.

Wir fuhren auf dem "Klapperdamm". So nennen Wieland und ich die 8km lange Zufahrtsstrasse zu unserem Dorf aus uralten Pflastersteinen freundschaftlich, von der jeder Stein eine ganz eigene Geschichte erzählt.

Da sah ich in einiger Entfernung am Waldrand ein faszinierendes Bild: dort stand ein Hirsch mit vielen Kühen und am Himmel, über ihnen, segelten mehrere Rote Milane, Seeadler und Bussarde. Es waren etwa zwölf Greifvögel, die dort in Höhe der Baumkronen segelten, als würden sie den Herbstwind und die Sonne feiern. Wir hielten an, saßen in unserem alten Mitsubishi und staunten über dieses erhabene Bild, dass sich uns bot und wir fühlten uns zutiefst geehrt, dass die Tiere uns teilhaben ließen.

Ich liebe diese Augenblicke, wenn mitten im Alltäglichen das Magische sich zeigt, wenn das Profane und das Erhabene sich verbinden und miteinander tanzen und uns dadurch erinnern, dass wir immer mit allem verbunden sind.

In dem Moment dort am Waldrand, fühlte ich mich eingeladen, ja, gerufen von den Tieren, mal wieder in den Wald zu kommen.


Zwei Tage später folgte ich der Einladung und schritt über die Schwelle in den Wald hinein.

Kaum war ich im Wald, hörte ich ein seltsames Geräusch: ein kurzes lautes Dröhnen in ständiger Wiederholung, dass ich so noch nie zuvor gehört hatte. Ich konnte diese Laute nicht einordnen. Manchmal klangen sie, wie eine Kettensäge, die nicht anspringen wollte, dann doch eher wie ein Tier, dass in Bedrängnis war, dann wieder, wie ein betrunkener, krakelender Mensch. Ich schwankte zwischen Neugierde und Fluchtimpuls und folgte dann doch dem seltsamen Geräusch vorsichtig tiefer in den Wald hinein.

Ich schritt achtsam und lautlos durch den Herbstwald, dem Geräusch entgegen. Plötzlich sah ich einen Dammwild Hirschen mit großem Geweih inmitten eines riesigen Rudels Dammwild Kühen. Von ihm gingen diese sonderbaren Laute aus. Er rief natürlich nicht mich, sondern seine Kühe oder er wollte mögliche Rivalen abschrecken, aber trotzdem hatte er mich auch hierher geführt und dafür war ich ihm sehr dankbar. Der Hirsch rief ununterbrochen, lief hierhin und dorthin, während die Kühe ganz gelassen blieben.

Lange stand ich im Wald an einer Buche und beobachtete den Hirschen und die Kühe. Ich war den Tieren recht nahe und ab und an schaute eine Kuh in meine Richtung, aber beunruhigt waren sie nicht. Warum auch: es war ein Besuch unter Freunden.

Irgendwann ging ich langsam weiter durch den Wald. Ich fühlte mich so zu hause, so verbunden, so willkommen. Ich sah unendlich viele Tierspuren, ein junger Rotwild Hirsch sprang davon, ein Rehbock legte sich einige Meter von mir entfernt nieder. Dammwild Kühe beobachteten mich genauso neugierig und offen, wie ich sie und gemeinsam horchten wir auf das Rufen von Maüsebussarden, das immer näher kam. Plötzlich schossen die beiden Bussarde, die wir zuvor nur gehört hatten, an uns vorbei in wilder Jagd durch den Wald, manövrierten rasend schnell zwischen die Bäume hindurch. Wir staunten nicht schlecht über dieses Spiel, dessen Zeuge wir wurden und dass uns nun umso mehr miteinander verband.

Es war zauberhaft, wie in einem Märchen und ich empfand tiefe Dankbarkeit und freute mich so sehr, dass die Tiere mich in den Wald gerufen hatten und dass so viele sich zeigten.

Dieses tiefe Glück, dass aus dem Gefühl der Verbundenheit mit anderen Wesen entsteht, dieses Sich- Berühren-Lassen im Miteinander Sein, die pure Freude der reinen Begegnung, ohne Erwartung und ohne Absicht hat etwas zutiefst Kraftvolles und Nährendes. Es ist ein Lebenselexier, eine magische Quelle, aus der wir trinken dürfen.


Vielleicht gibt es nun den Wunsch, die Geschichte hier enden zu lassen, mit diesem Gefühl der Verbundenheit, diesem Frieden.

Doch es braucht die ganze Geschichte, damit der Kreis rund wird. Es braucht die Geschichte mit ihren Schatten, um die Essenz erfassen zu können. Wenn wir den Schatten nicht umarmen, werden wir auch keinen wirklichen Wandel bewirken.

Der Schatten ist der Ort der Gegensätze, der Ort, des Lernens. Der Schatten ist die Welt, in der die unterdrückenden Strukturen des Eingreifens und Eindämmens mit all den lieblosen Handlungen immer noch mehr als präsent sind, die uns alle seit so vielen hunderten von Jahren geprägt haben.

Deshalb kann die Geschichte hier nicht enden.


Im friedlichen Wald fiel plötzlich ein Schuss direkt hinter mir. Ich erschrak zutiefst und als ich mich umdrehte, kamen all die Tiere, mit denen ich eben noch zusammen war, in wilder Panik auf mich zugelaufen: Rehe, Damwild, Wildschweine - ich stand inmitten der wild fliehenden Tiere und es war als riefen sie mir im Laufen zu: "Lauf! Lauf um dein Leben!"

Das Paradies, dass ich grade eben noch erlebt hatte, war zerstört. Von einem Gewehrschuss durchtrennt, das tiefe Gefühl der Verbundenheit.

Ich verweilte regungslos bis ich mich etwas vom Schock erholt hatte und ging dann langsam und vorsichtig in die Richtung aus der ich gekommen war, in Richtung des Schusses. Da querten einige Meter vor mir vier Wildschweine meinen Weg, ein zweiter Schuss hallte, nur einige Meter von mir entfernt, so laut, dass es in meinen Ohren rauschte.

Endlich sah ich auch den Jäger und beobachtete ihn eine Weile, unfähig, mich zu bewegen. Ich sah, wie er mit seiner Beute handtierte, dann zog ich mich lautlos und verwirrt zurück.

Meine friedliche Waldwelt lag in Trümmern. Der Jäger bemerkte mich nicht und hatte keine Ahnung, was er angerichtet hatte.


Als ich aus dem Wald auf die Lichtung trat, kam ein weiterer Jäger in einem Jeep auf mich zugefahren. Der ältere Mann hinter dem Steuer, war außer sich vor Sorge, als er erkannte, dass ich nicht sein Kollege war und dass ich offensichtlich genau aus der Richtung kam, wo grade die Schüsse gefallen waren. Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Ich konnte nicht umhin, auf seine zitternde linke Hand zu sehen und war erleichtert, als er mir versicherte, dass seine Zeit als aktiver Jäger vorbei war.

Er wollte von mir einiges wissen: was um Gottes Willen, ich denn hier mache. Es klang vorwurfsvoll, als hätte ICH grade im Wald geschossen mitten am Tage und nicht sein Kollege. Warum ich nicht auf dem Weg bliebe und überhaupt und was für ein Glück, dass mir nichts passiert sei. Er war außer sich vor Sorge und schaute mich an, als wäre ich eine Erscheinung aus einer anderen Welt und genau das war ich in diesem Moment für ihn wohl auch.

Dann kam sein Kollege aus dem Wald mit geschultertem Gewehr und blutigen Händen. Ihm wurde sofort berichtet, dass ich quasi neben ihm gestanden hatte, als er das zweite Mal schoss und auch er war fassungslos. Er fragte mich, warum ich mich denn nicht gezeigt hätte. Ich schaute nur stumm auf sein Gewehr und seine blutigen Hände und in dem Moment wurde ihm wohl die Absurdität seiner Frage bewußt.

Die Männer waren so außer sich vor Sorge, redeten davon, was hätte passieren können, entschuldigten sich andauernd, als erbeteten sie Abbitte von mir. Die konnte ich ihnen nicht geben, denn schließlich war es ihre Entscheidung, passend zu ihrer Geschichte von der Welt, ein Stück Wald für die Jagd zu pachten und dort zu töten, weil dies in ihrem Weltbild so sein muss.

Doch ich sah ihren Schmerz, ich blieb im Kontakt und kein Wort des Vorwurfs kam über meine Lippen.

Ich war ganz ruhig, während die Männer beunruhigt waren und immer wieder aufs Neue nicht glauben konnten, dass ich unbemerkt geblieben war und was mir alles hätte passieren können.

Ich erzählte, dass ich den Hirschen beobachtet hatte und wie schön er sei. Plötzlich leuchteten die Augen des jüngeren Jägers und wir hatten für einen Moment eine Gemeinsamkeit: die Liebe zu diesem wunderschönen Tier.

Für einen Jäger heißt diese Liebe allerdings: ich nehme, was mir zusteht.

Für mich heißt sie: ich erfreue mich an diesem Anblick und bin dankbar für die Magie, die ich geschenkt bekomme.

Die Jäger versicherten mir noch mehrmals, wie glücklich sie seien, dass mir nichts passiert war und entschuldigten sich noch einige weitere Male.


Ich ging mit einem Pfeifen im Ohr und mit vielen gegensätzlichen Gefühlen nach hause, in Gedanken an den Hirschen, der dieses Mal noch mit dem Leben davon gekommen war. Mit Dankbarkeit für die Begegnungen, für mein Wohlbehalten und Traurigkeit, weil unsere Welt so ist, wie sie ist.


Grade, als ich schreibe, sehe ich aus dem Fenster, wie ein Habicht draussen auf dem Hof einen Spatzen fängt. Jetzt sitzt er unter einem Busch und isst seine Beute und ich denke über das Verhältnis von Jäger und Gejagten nach und dass ich Wildtiere, die jagen, besser annehmen kann, als Menschen, die jagen: jagende Wildtiere sind eingebunden im Kreis des Lebens, während menschliche Jäger sich an die Spitze einer Pyramide stellen.


Ich bin dankbar, dass die Tiere sich mir zeigen, dass ich sie beobachten und von ihnen lernen darf, dass es diese tiefe Verbundenheit zwischen uns gibt.

Und gleichzeitig bin ich zutiefst traurig über das Verhältnis von Mensch und Natur, dass wir hier in unserem Kulturkreis leben und so dominant ist, dass sich nichts und niemand ihm entziehen kann. Dieses Verhältnis, dass eine Trennung aufrecht erhält, die unsere Lebensgrundlage zerstört.


Ich weiß, dass ich die Jagd nicht aufhalte durch diese Begegnung, den Hirschen nicht retten werde. Genausowenig werden wir den Klimawandel oder das Artensterben aufhalten, weil wir Acker in Grünland umwandeln und Bäume pflanzen.

Aber ich kann nicht anders, als mein So-Sein in die Welt zu bringen und in Verbindung zu gehen, mit allem, was sich zeigt.

Und viele Menschen, die sich einbringen, werden etwas bewirken können.

Vielleicht habe ich etwas in dem Jäger berührt und er wird nie mehr so arglos wie vor unserer Begegnung jagen. Genauso, wie er etwas in mir berührt hat, dass mich dazu bringt, diese Geschichte zu erzählen und zu teilen.


Es sind diese winzig kleinen Schritte, die so wertvoll sind. Dieses In- Kontakt-kommen, egal wie groß die Gegensätze auch sein mögen, wie verschieden die Welten, in denen wir uns bewegen. Wenn wir es nicht schaffen, uns gegenseitig zu berühren, dann bleiben wir getrennt und nichts ändert sich.


Wenn mich die Tiere wieder rufen, dann werde ich ihrem Ruf folgen und in den Wald gehen.

Denn in diesen Begegnungen liegt meine Kraft.

Und das ist, wer ich bin.




47 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Sich selber eingestehen, dass eine Hoffnung unbegründet ist, dass es keinen Sinn macht, noch länger auf eine Veränderung zu warten, die durch ein Ereignis erwünscht, ersehnt war. Ein Wandel, der quasi