Land als Spiegel unserer Beziehungen

Aktualisiert: 15. Juni


Die Wissenschaftlerin und indigene Autorin Robin Wall Kimmerer schreibt in ihrem Buch Geflochtenes Süßgras - die Weisheit der Pflanzen über die Bedeutung, die Land für uns haben kann, wenn wir in eine Beziehung mit ihm treten, die nicht einseitig auf Profit und Ausbeutung beruht.


Diese Geschichte berührt mich besonders, da sie ein Thema anspricht, mit dem auch wir uns hier schon seit längerem beschäftigen: der Renaturierung von Land.

Momentan ist dies ganz aktuell, da wir versuchen eine Sondergenehmigung zur Renaturierung eines Ackers zu bekommen, der im Besitz der BVVG Bodenverwertungs- und -Verwaltungsgesellschaft, also der Nachfolgeorganisation der Treuhand, ist. Auf dem Land wird seit sechs Jahren alljährlich Mais angebaut, der Pachtvertrag läuft Ende September aus und wir möchten gerne verhindern, dass durch eine Wiederverpachtung die nächste Mais-Ära eingeläutet wird.


Robin Wall Kimmerer schreibt in ihrem Buch:


Für die Heilung der Erde ist Renaturierung unabdingbar, sie muß aber auf Reziprozität beruhen. Man kann die ökologische Renaturierung wie andere achtsame Tätigkeiten als Geben und Nehmen betrachten, indem die Menschen ihrer Verantwortung gerecht werden, für das Ökosystem, das sie wiederum ernährt, zu sorgen. Wir erneuern das Land und das Land erneuert uns.

...

Land zu erneuern, ohne unsere Beziehung zu erneuern ist sinnlos. Es ist die Beziehung, die bleiben wird und das erneuerte Land erhält.

...

Die Zusammensetzung der Arten mag sich ändern, aber die Beziehung bleibt.

Unsere größte Herausforderung und lohnendste Arbeit ist es, diese Beziehung zu erneuern, und sie mit Achtung, Verantwortung und Gegenseitigkeit zu füllen.

Und mit Liebe.


In diesem Sinne ist jedes Stück Land ein Spiegel unserer Beziehungen, nicht nur zu dem Land, sondern zu unserer gesamten Mitwelt und zu uns selber.

Jedes Land erzählt seine Geschichte über uns und unseren Umgang mit ihm. Wenn wir nicht bereit sind, uns zu wandeln oder wandeln zu lassen, dann können wir auch kein Land wirklich nachhaltig renaturieren.

Wenn wir uns wirklich und wahrhaftig auf diesen Prozeß einlassen, dann ist er sehr tiefgreifend und wird nicht nur das Land, sondern auch uns selbst verändern.


Wenn ich an unseren bisherigen Weg denke und angelehnt an die Geschichte im Buch, dann sehe ich deutlich die Bilder vor mir von unserem Land, dazu jeweils Überschriften, die beschreiben, was das Land für uns ist und mit uns macht:


Land als Erneuerung

Land als Lehrer

Land als Heilerin

Land als Verantwortung

Land als Gemeinschaft

Land als etwas Heiliges

Land als Heimat




Und dann sehe ich Bilder von dem Land, bei dem wir versuchen, uns Gehör zu verschaffen, es renaturieren zu dürfen.

Und die Überschriften lauten:


Land als Herausforderung

Land als Chance für Nachhaltigkeit

Land als Herzenswunsch

Land als Sehnsucht nach Verbundenheit

Land als Vision von Heilung




Wie auch immer die Geschichte ausgehen mag, ob wir den Mais Acker renaturieren dürfen oder nicht, das Land wird weiter seine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über unsere Art der Beziehung zu ihm, zu unserer Mitwelt und zu uns selber.

Diese Geschichte kann freudvoll und mut-machend oder eine Geschichte der Getrenntheit sein, die uns immer weiter von unserer eigenen Natur entfernt und uns einsam zurück lässt.

Das Land wird uns auch weiterhin einen Spiegel vorhalten, ohne Vorwurf und doch sehr eindringlich. Ein Spiegel, in dem wir uns und unsere Beziehungen erkennen können.

Was wir in dem Bild sehen, liegt in unserer Verantwortung: es kann ein Bild der Liebe und Zuwendung oder des Schmerzes und der Zerstörung sein.


Meine Hoffnung ist, dass immer mehr Menschen den Mut haben, in diesen Spiegel zu blicken und die Liebe, die sich darin finden kann tief in ihren Herzen aufnehmen, genauso wie den Schmerz.

Menschen, die berührbar sind und sich verletzlich zeigen.

Indem wir wirklich erkennen, was wir sehen, es tief in unseren Herzen annehmen und durch die Gefühle hindurchgehen, können wir ins Handeln kommen und Heilung wird möglich.

Die Heilung unserer Beziehung zu uns und zur Erde ist das größte und freudvollste Geschenk, das wir erhalten können und das wir voller Liebe, Dankbarkeit und Demut annehmen dürfen.

Und der Kreis schließt sich, wenn wir dieses Geschenk wieder in die Welt hinein tragen.

Zum Wohle aller Wesen.


Oder wie Robin Wall Kimmerer schreibt:

"Weine! Weine!", ruft eine Kröte vom Ufer, und das tue ich.

Wenn Trauer eine Tür zur Liebe sein kann, dann lasst uns alle um die Welt weinen, die wir zerstören, damit wir sie mit unserer Liebe wieder ganz machen können.











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