Land als Spiegel unserer Beziehungen (2)

Aktualisiert: 5. Okt.






Sechs Jahre haben wir darauf hin gewirkt, ein Stück Ackerland, das in öffentlicher Hand ist und uns sehr am Herzen liegt, renaturieren zu dürfen.

Nun haben wir einen Pachtvertrag von einem Jahr bekommen und innerhalb dieses Pachtjahres sollen die Rahmenbedingungen gestaltet werden, so dass wir im kommenden Herbst Bäume pflanzen dürfen.

Mittlerweile ist der letzte Mais auf dem Acker geerntet, der Boden bearbeitet und ein Gemisch aus Gräsern und Wildkräutern ausgebracht, sowie ein Wildstaudensaum eingesät.

Die Bodenvorbereitung und Aussaat haben wir organisiert, ohne eine absolute Sicherheit zu haben, dass der Acker nun dauerhaft aus dem konventionellen Anbau herausgenommen ist, doch Sicherheit ist in Zeiten wie diesen sowieso Mangelware.

Für die Bodenvorbereitung und die Aussaat auf der Hauptfläche hat sich die Vernetzung bewährt, die entstanden ist, seitdem wir hierher gezogen sind, denn uns fehlen die großen Maschinen, um ein Saatbett nach einer Maisernte vorzubereiten. Das haben befreundete Bio-Landwirte für uns übernommen. Den Wildsaum habe ich per Hand ausgebracht, was eine zutiefst befriedigende Tätigkeit ist, denn sie läßt mir Raum und Zeit, mich mit dem Land zu verbinden.


Auch wenn von der Mais Ernte bis zur Neuansaat der Wiese nur eine Woche verging, waren es lange Jahre, die wir auf die Renaturierung hingewirkt und in denen wir unterschiedlichste Erfahrungen gesammelt haben: mit dem Land, dass wir seit 2017 renaturieren, genauso wie mit den großen Agrarbetrieben, die um uns herum wirtschaften, den jährlichen Maisanbau immer direkt vor unseren Augen. Wir konnten uns dem nicht entziehen, wir waren seit sechs Jahren eingerahmt von Mais.

Diese Erfahrung hat uns sehr geformt und uns gezeigt: es liegt in allem auch eine Chance zum Lernen, wenn wir unsere Sinne öffnen, hinschauen, hinspüren und in Beziehung gehen, mit dem, was grade ist.

Transformation kann nur passieren, wenn wir den Ist-Zustand annehmen und nicht die Augen und unsere Herzen verschließen vor dem, was sich zeigt.


Gegebene Handlungsweisen zu hinterfragen - auch unsere eigenen- gehört genauso dazu, wie ein ritueller Maskentanz mit den konventionell angebauten Maispflanzen, um sich an ein größeres, heilendes Feld rückzuverbinden.

Dabei führen wir kein "esoterisches Inseldasein", sondern versuchen, immer wieder aufs Neue, alle Aspekte mit einzubeziehen: Körper, Geist und Seele zu vereinen, alle Wesen zu ehren (und mit Wesen ist auch das Land gemeint), Dankbarkeit und Demut zu kultivieren und gleichzeitig Resilienz und Stärke zu nähren, sowie Durchhaltekraft. Denn die braucht es in dieser Zeit sehr.


Unsere Beziehungen speisen sich aus allen diesen Aspekten und spiegeln alll unsere Handlungen und auch Denkweisen wider. In diesem Sinne steht die Praxis der Meditation, des Cherokee-Dance und des ThaiChi auf dem Land inmitten der Herde oder auf dem Hügel vom Mais eingerahmt und das Ausführen von Ritualen und Schwellengängen nicht im Widerspruch zum Briefe-Ans-Landwirtschaftsministerium-Schreiben, Verhandlungen mit der BVVG führen, unendlich viele Telefonate führen oder der Gründung eines landwirtschaftlichen Betriebes, damit unsere Vision Wirklichkeit werden kann.

All dies ergänzt und bedingt einander und jede Aktion, auch das Nichts-Tun und das Träumen oder das Legen eines Mandalas genauso, wie den Erntearbeitern bei der Maisernte in ihrer Pause selbstgemachten Apfelsaft zu bringen, hat seine Zeit und seinen Raum.


Zugegeben: es fühlt sich manchmal an wie ein Spagat zwischen den Welten, die Quadratur des Kreises, der Versuch, das Unmögliche möglich zu machen - grade in Zeiten der (eigenen) Unsicherheit.

Wie können wir Hüter und Hüterin des Landes sein, wenn wir offiziell LandWirtschaft betreiben?

Wie können wir in enger Verbundenheit und tiefem Respekt mit dem Land, mit den Tieren und Pflanzen leben, wenn Bäume in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU als Landschaftselemente bezeichnet werden und der Wert von Tieren und Pflanzen nach deren Ökodienstleistung bewertet wird?

Wenn unsere Getrenntheit von der Natur, von der wir doch ein Teil sind, sich bis in unsere Sprache hinein spiegelt?

Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil unserer Aufgabe: die verschiedenen Welten zu verbinden und wieder zu vereinen, eine Rückbesinnung auf das In-Beziehung-Sein zu kultivieren und gleichzeitig eine neue Art des Tuns und Seins zu kreieren.


Robin Wall Kimmerer erwähnt den Begriff der Ehrenhaften Ernte für indigene Prinzipien und Praktiken, die unserem Nehmen einen Rahmen geben, die uns als Menschen erinnern, dass Geben und Nehmen im Gleichgewicht sein sollten und wir Verantwortung tragen für die Erde, die uns nährt.


Als die großen Maschinen dröhnend über das Land fuhren, um den Mais zu ernten, der im gleichen Arbeitsgang gehäckselt wird, habe ich mir vorgestellt, wie eine Maisernte, die die Prinzipien der Ehrenhaften Ernte beachtet, wohl aussehen würde:

Wie wäre es, wenn die Fahrer der großen Ernte Maschinen erst den Mais um Erlaubnis bitten, ihn zu ernten und seine Antwort respektierten?

Wenn sie so ernten, dass sie möglichst wenig Schaden anrichten und den Boden über den sie fahren, achten?

Wenn sie im Gegenzug für die Ernte ihrerseits ein Geschenk geben würden?

Wenn sie, nachdem sie geerntet haben, ihre Dankbarkeit zum Ausdruck brächten?


Diese Vorstellung scheint utopisch angesichts der Realität, in der wir leben.

Weil die Schnelligkeit und auf Effektivität abzielende Wirtschaftsweise keinen Raum läßt für solche Herangehensweisen.

Weil oftmals während der Ernte Jäger an den Säumen der Äcker stehen und auf Tiere schießen, die vor der Ernte flüchten.

Weil wir offensichtlich keinerlei Bezug oder Empathie haben, zu dem, was wir tun und wie wir es tun und unser Handeln nicht hinterfragen.


Und auch, weil ich bei mir bemerke, wie ungelenk ich mir vorkomme, bei dem Versuch, ehrenhaft zu ernten und in Kontakt zu gehen:

Das Land um Erlaubnis fragen, den Boden nach der Maisernte bearbeiten zu dürfen. Das Land zu fragen, ob es sich wohl fühlt damit, dass wir Saatgut ausbringen, damit nach sechs Jahren Maisanbau möglichst schnell Gräser und Wildkräuter wachsen mögen.

Ein Dank in Form einer Räucherung zu geben.

Mich weiterzubilden in dynamischen Agroforst, um dem Land meine bestmögliche Unterstützung bei der Regeneration geben zu können.

Oder auch: eine alte Weide zu fragen, ob ich Äste schneiden darf, um sie den Ponys zu Essen zu geben und darauf zu vertrauen, dass die Antwort, die ich empfange ( "ja, aber nur die dickeren Äste, nicht die dünnen.") auch wirklich ist.


Ich bemerke: es ist eine große Unsicherheit in diesem Vorgehen, denn meine Verbindung zum alten Wissen ist lückenhaft, verschüttet seit vielen Generationen und es ist manchmal mühsam, das Band wieder zu stärken. Es braucht immer wieder tiefes Vertrauen in den Prozeß, ein Einlassen auf das Ungewöhnliche und für den Verstand Unbekannte.

Was mich trägt ist die tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit und die Gewißheit, dass unsere bisherigen Wirtschaftsweisen nicht mehr funktionieren und unser Handeln, unser gesamtes Sein auf dem Nährboden einer grundlegend anderen Beziehung zum Lebendigen erwachsen muß.

Eine Beziehung, die von Liebe und Achtung vor dem Leben getragen ist. Eine Beziehung, die endlich das Wohl der mehr-als-menschlichen-Gemeinschaft in den Fokus allen Wirkens stellt.


Und es gibt Anzeichen für einen Wandel in diese Richtung: einige Älteste der Kogi, ein indigenes Volk aus dem Norden Kolumbiens, die in ihrer Tradition ein tiefes Wissen über die Zusammenhänge allen Lebens bewahrt haben, sind bereit, ihr Wissen mit uns zu teilen: sie sind in die Schweiz, nach Österreich, Schweden und nach Deutschland gereist und haben sich u.a. mit Förstern und Forstwissenschaftler*innen getroffen, haben Kontakt mit Wäldern und einzelnen Baumpersönlichkeiten aufgenommen, um für die Waldverantwortlichen zu übersetzen, was der Wald von uns braucht, angesichts seines desolaten Zustandes, in den wir ihn gebracht haben.

Es gab auch ein Treffen und Austausch mit Wissenschaftler*innen und Studierenden der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und auch hier ging es vor allem um den Wald und unsere Beziehung zu ihm und um eine heilige Quelle und unseren Umgang mit ihr.

Die Mitteilungen der Kogi waren manchmal erstaunlich, immer sehr klar, appelierten wiederholt daran, dass wir Verantwortung übernehmen müssen und dass es nun an uns ist (anders) zu handeln.


Vor einigen Tagen gab es eine hybride Beteidigungsveranstaltung vom Land Brandenburg zum Thema Klima Anpassung. Eine Veranstaltung, die Hoffnung macht, dass wir alle den Wandel, in dem wir mittendrin sind, mitgestalten können.

Es wurden viele Gedanken geteilt, Meinungen ausgetauscht und immer wieder dazu eingeladen, sich zu beteidigen.

Es fielen neue Wortschöpfungen wie Klimaangepasste Landschaft und Bodenschutzgebiete.

Zum Ende der Veranstaltung wurde nochmals eingeladen per Mentimeter mitzuteilen, was man gerne den Verantwortlichen der Klimaanpassung mit geben wollte. Dieses digitale Mitteilungsfenster wurde 24 Stunden nach Ende der Veranstaltung offen gehalten.

Am nächsten Morgen sendete ich, was ich den Beteiligten gerne mit auf den Weg geben wollte:


Wir sollten die Natur um uns herum wieder als lebendig wahrnehmen und uns erinnern: wir sind Hüter der Erde und nicht ihre Herrscher.


Ich nähre die Vision von einer Landschaft, die von einer heilenden, nährenden Beziehung erzählt.

Eine Landschaft, die Geschichten über ein freudvolles, liebendes Miteinander auf vielfältigste Weise malt.

Eine Geschichte, die hütend gestaltet und das Wohl aller in die Mitte des Lebenskreises stellt.

In dieser Geschichte hat Ausbeutung an Mensch, Tier, Pflanze, Landschaft und der gesamten Erde als lebendiges Wesen keinen Platz mehr.

Ich weiß, dass ich diesen Traum nicht alleine träume, sondern eine von vielen bin.


Es sind fordernde und intensive Zeiten, in denen wir uns befinden. Sie bieten uns die Chance, wieder in die Verbindung zu gehen und uns als ein Teil der lebendigen Natur zu empfinden.

Es ist an der Zeit, diese Chance zu nutzen und ins Handeln zu kommen, damit ganz neue Geschichten erzählt werden können.








Cherokee Dance: ich habe ihn während meiner Ausbildung zur Naturprozeßbegleitung bei Syvia Wollwert kennen gelernt; er ermöglicht eine tiefe Verbindung zu den vier Himmelsrichtungen, der Erde, dem Himmel, dem Land und all seinen Wesen. Mit Sylvia´s Begleitung haben Wieland und ich auch an einer Visionssuche teilgenommen; Wieland in diesem Jahr und ich vor 14 Jahren.

ThaiChi: Meditation in Bewegung; langsame Abfolge bestimmter Bewegungsabläufe; ich bin Schülerin der Peking-Form bei Joachim Hellmann

Schwellengang: auch Naturgang oder MedicineWalk genannt; hierbei geht Mensch mit einem Thema in die Natur über eine Schwelle und bleibt für einige Stunden in diesem Raum; nachdem die Person wieder zurück aus der Schwelle gekommen ist, teilt sie ihre Geschichte und die Weisheit, die sie aus der Natur erfahren hat. Das Begleiten von Schwellengängen habe ich in meiner Ausbildung zur Naturprozeßbegleitung gelernt.

BVVG: Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft, Nachfolgeorganisation der Treuhand.

Robin Wall Kimmerer: Autorin, Wissenschaftlerin, eigetragenes Mitglied der Potawatomi Nation; die Ehrenhafte Ernte beschreibt sie in ihrem Buch Geflochtenes Süßgras.

Dynamischer Agroforst: ein Begriff, den Noemi Stadler-Kaulich geprägt hat; die Prinzipien sind ausführlich in ihrem Buch Dynamischer Agroforst - fruchtbarer Boden, gesunde Umwelt, reiche Ernte nachzulesen. Ein Seminar bei Noemi ist sehr bereichernd und das Ökodorf Sieben Linden bietet vielfältigste Seminare an und lohnt eine Reise allemal.

Über die Reise der Kogi kann Mensch sich informieren und ispirieren lassen über die Webseite des Vereins Lebendiges Wissen e.V.

Klimaanpassung Brandenburg: Informationen zur Veranstaltung hier











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