Leben mit dem Land

Aktualisiert: Okt 24


"Man müßte Acker in Grünland umwandeln!"

Diesen Satz sagte Wieland vor einigen Jahren zu mir, als wir von der gepachteten Weidefläche, auf der unsere Tiere grasen durften, zurückkamen.

Damals lebten wir nach unserem Auszug aus einer Lebensgemeinschaft übergangsweise in einem Gartenhaus von grade mal 26m² Wohnfläche.

Wir hatten noch keine Ahnung, wie unser Leben weiter verlaufen würde, wohin wir gehen würden, obwohl wir mit einer Mosterei und einer Herde von mittlerweilen sieben Huftieren zugegebenermaßen nicht mehr ganz frei und ungebunden waren.


Rückblickend glaube ich, dass Wielands Satz, der eine tiefe Sehnsucht nach Veränderung beinhaltete und nach einem Nicht-Mehr-Hinnehmen-Wollen von Gegebenem, einen Samen legte und tief in uns - noch ganz unbemerkt - anfing, zu keimen.

Damals standen wir dort am Rande des kleinen Wäldchens, blicken auf die riesigen Monokultur Ackerflächen um uns herum und stellten uns vor, wie das Land aussehen könnte: ein Grasland mit vielfältigen Gräsern, Kräutern, Wildblumen, Obstbäumen, Büschen und - ach, aber es war ja nur ein Traum, eine fixe Idee, völlig unrealistisch ...


Mitte August 2017, zwei Jahre nach diesem Satz, standen wir wundersamerweise auf einem Acker, der ab sofort laut Papier "unser" war. Dabei schien es uns absurd, Land zu besitzen und von Anfang an fühlten wir uns eher als Hüter*in dieses Landes, statt als Egentümer*in.

Es war nicht nur finanziell ein Wunder, dass wir einen Hof kaufen konnten mit angrenzendem Ackerland. Als Nicht-Landwirte mußten wir für den Acker ein Konzept beim Landwirtschaftsamt vorlegen und bei einem persönlichen Gespräch sagte die Leiterin des Amtes zu uns, dass sie unser Vorhaben bewilligt, weil für sie unser Konzept so ehrlich sei. Desweiteren glaube sie, dass die Zeit der riesigen Äcker langsam vorbei sei. Eine hoffnungsmachende Aussage von der Leiterin eines Amtes, in dessen Landkreis die Äcker nicht selten mehrere 100 Hektar betragen und kaum Bio- Landwirtschaft betrieben wird. Ein Wunder also, dass sie uns zutraute am ackerbaulichen Wandel mitzuwirken.


Der Landwirt, der bislang "unsere" Fläche konventionell beackert hatte, war an diesem denkwürdigen Tag im August 2017 mit der Getreideernte fertig geworden und somit war das Land nun frei. Da er sich geweigert hatte, nach der Ernte noch eine weitere Bodenbearbeitung zu tätigen und es in dem Jahr so viel regnete, sah der Acker ziemlich erbärmlich aus, als ich zum ersten Mal über die 3,4ha Land stapfte, die von nun an in unsere Obhut fielen.

Es war ein sehr besonderes Gefühl, über dieses geschundene Land zu laufen und es rührte mich, den Boden zu berühren und dem Land zu versprechen, dass von nun an keine Pestizide, Fungizide oder chemische Düngemittel mehr ausgebracht werden würden.

Wo wir auch gruben: es fand sich kaum ein Regenwurm oder sonstiges sichtbares Bodenleben, umsomehr verdichtete Erde.


Und so machten wir uns an die Arbeit, das Bodenleben mit Effektiven Mikroorganismen zu beleben - mit völlig improvisierter Technik, doch voller Enthusiasmus und mit viel Liebe für das Land.

Im Herbst desselben Jahres brachte ich Saatgut aus: eine Mischung verschiedener Grassorten als Pferdeweide, Wildkräuter, Esparsette, Luzerne, Phazelie. Alles per Hand auf insgesamt über drei Hektar Fläche.

Die Einsaat war für mich wie eine Art Meditation mit dem Land: jeweils kurz vor dem Regen zog ich los und schritt ein Stück Fläche ab, mit Stecken als Orientierungshilfe. Mit der umgehängten Saatschale vollführte mein Körper wie von selbst die Bewegungen, die es brauchte, um das Saatgut mit der Hand auszubringen. Ich hatte noch nie in meinem Leben auf diese Art gesät und erst recht nicht auf solch großer Fläche, doch es war, als würde etwas in mir sich rückverbinden mit denjenigen, die vor langer Zeit über das Land gezogen waren, um Saatgut auszubringen: mein Körper schien genau zu wissen, was er tat. Auch wenn mein Verstand immer wieder zweifelte, ob ich hier nicht einfach nur auf einer riesigen Fläche die Wildvögel fütterte.

Ich nahm mit jeder handvoll Saatgut, dass ich zu Boden fallen ließ gleichzeitig tiefen Kontakt zum Land auf, so, als würde uns nun ein unsichtbares Band verbinden.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren des Umherziehens bekam ich ein Gefühl davon, wirklich anzukommen, buchstäblich Wurzeln zu schlagen. Mit jedem Saatkorn, dass ich säte, jedem Baum und Busch, den wir später pflanzten, verband ich mich mehr mit diesem Land, nahm es mit jeder Zelle in mich auf und im Gegenzug trug das Land mich, hielt mich, gab mir Schutz und förderte mich gleichzeitig auf eine bislang ungekannte Weise.


Denn es gab auch große Herausforderungen, die uns sehr verunsicherten und unser Vertrauen mehr als forderten: nach dem unglaublich nassen ersten Jahr mit dem Land, folgten zwei so trockene heiße Jahre, dass es ein Wunder war, dass die jungen Bäume überlebt haben. Die Wiese glich eher einer trockenen, kargen Steppe als einer blühenden Landschaft.

Es kamen Mengen an Raps und Weizen hoch und wenig Gras oder Kräuter.

Wir wässerten, sensten, schnitten, mähten, säten nach - taten dass, was wir aktiv tun konnten.


Und von Anfang an, haben wir auch etwas anderes gemacht: wir haben der Natur vertraut, sie unterstützt, wo Unterstützung nötig war und uns zurückgezogen, wo es wichtig war, der Natur Raum und vor allem: Zeit zu geben.

Wir lernten Empathie von diesem Land, wirkliches Einfühlen und Hinspüren.

Ich spürte diese tiefe Sehnsucht und auch Dringlichkeit, die spirituelle Dimension in unserem SEIN mit dem Land mit einzubeziehen.

So kreierten wir Rituale der Verbindung, des Dankens und Bittens. Rituale, die den Weg in die Heilung ermöglichen, nicht nur für das Land, sondern auch für uns und die Tiere, die Pflanzen und alle Wesen.


Den spirituellen Aspekt in unserem Tun und Sein mit einzubeziehen, das ist für uns westlich-verstandesgeprägte Menschen immer wieder eine Herausforderung: zu lauschen, was das Land wünscht, Hingabe, ein liebevolles Miteinander-SEIN, die Magie, das Nicht-Erklärbare, die Vision einzuladen, damit der Weg für Heilung und Wunder geebnet wird.

Dafür müssen wir ausgetretene Pfade verlassen, uns im Nicht-Wissen üben und uns auf Unbekanntes einlassen, denn dieser Weg ist sehr abenteuerlich, nicht vorhersehbar und mit dem Verstand alleine nicht zu erfassen. Unsere Herde hat uns dabei immer wieder den Weg gewiesen durch ihre tiefe Verbundenheit mit diesem ursprünglichen SEIN und dem Nicht-Erklärbaren:

Es war Kora, die Leitstute, die mich dazu gebracht hat, jemanden zu finden, der mit uns Rituale für das Land durchführte, bei der wir weit in alle Dimensionen gereist sind, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich verwoben.

Mehr als ein Mal haben Wildtiere hier auf dem Land ihr Leben gegeben, um mich in eine tiefere Dimension des Miteinander-SEINS zu initiieren und mich gelehrt, dass der Tod kein Ende ist, sondern zum Kreislauf des Lebens gehört.

Es sind Veränderungen bis in meine Zellen hinein, heilige Geschichten entstehen, Initiation passiert.

Ein ewiger Kreislauf des Gebens und Nehmens, des Heilens und Heil-Werdens, des Sterbens und Vergehens, des Keimens und Wachsens.

Es ist schwierig, das Nicht-Erklärbare, Nicht-Greifbare in Worte zu fassen.



Indem die Herde sich von dem ernährt, was auf dem Land wächst, transformiert sie es, düngt es über ihre Auscheidungen und ernährt damit wiederum unzählige Bodenorganismen. Mist wird zu fruchtbarem Dünger, auf dem Gemüse wachsen kann, dass uns Menschen ernährt. Wildkräuter auf der Wiese ernähren unzählige Wesen, nicht nur die Herde und uns Menschen.

Ich übe mich in Demut vor all diesen sichtbaren und unsichtbaren Kreisläufen und bekomme erst sehr langsam ein Gefühl davon, was es heißt, MIT dem Land zu leben, nicht VON ihm oder AUF ihm, sondern wirklich und wahrhaftig miteinander zu SEIN, eingewoben im Kreislauf des Lebens.

Wir stehen noch ganz am Anfang, dieses Potential überhaupt nur zu erfühlen, hier gibt es noch so vieles zu lernen. Und ich merke schon jetzt, dass es zutiefst nährend ist, erdend und fördernd auf diese Art und Weise zu SEIN.

Mit dieser Erfahrung kann ich gar nicht anders, als mit allen Zellen zu wissen, dass das Land eine Seele hat, so, wie jedes Land, jeder Wald, jeder Ort und jedes Wesen eine Seele hat und es schmerzt mich umso mehr, dass wir in einer Zeit leben, in dem diese Seelen nicht gewürdigt werden.


Letztens sah ich auf ARTE eine Dokumentation, in der am Ende gezeigt wurde, wie Gemüse in futuristischen Hallen gezogen wird: unglaubliche Mengen an immer gleich aussehenden Pflanzen, die nie den Boden berühren, weil deren Wurzeln in einer künstlichen Nährstoffflüssigkeit wachsen. Laborant*innen mit weißen Kitteln und Einweghandschuhen betreuen die Pflanzen in dieser sterilen Welt.

Technisch gesehen können wir uns so ernähren und riesige Mengen an Nahrungsmitteln produzieren.

Doch nährt dieses Essen unsere Seele?

Und wie ergeht es der Seele vom Salat, der auf diese künstliche Weise, ohne Kontakt zu Mutter Erde, in chemischer Flüssignahrung angebaut wird?

Was passiert mit der Seele vom Spinat, der auf diese Weise wachsen muß?

Haben die perfekten, immer gleich aussehenden Tomaten überhaupt eine Seele?

Wie sehr wird unsere Seele verkümmern, wenn wir nicht mehr die Hände in lebendige Erde legen, uns "dreckig" machen, um das Leben in unseren Händen zu spüren?

Wenn wir nur noch über Bildschirme wischen, um diese angeblich perfekten Nahrungsmittel zu bestellen, die von selbstfahrenden Fahrzeugen ausgeliefert werden, wie es in Peking schon gemacht wird?


Ich möchte einen anderen Weg gehen und nähre dabei die Hoffnung, dass viele Menschen wieder entdecken, wie sich das anfühlt, in diese Verbindung zu gehen: die Rinde eines alten Baumes ertasten, die Hand über das flauschige Fell eines Tieres streichen, den Boden berühren und in Kontakt zu SEIN mit all unseren Sinnen, damit wir das pulsierende Leben und die Schönheit, die darin enthalten ist wieder wahrnehmen können.

Damit wir lernen können, empathisch MIT der Natur zu sein, von der wir ein Teil sind und nicht gegen sie.

Damit wir nicht verlernen, einfach zu SEIN.

Zum Wohle unserer Seelen.

Und zum Wohle aller Wesen.





Fotos (von oben nach unten): die Obstwiese am frühen Morgen im Sommer 2021; der Acker nach dem Herausmessen unseres Flurstücks im Sommer 2017;Esel Findus knabbert Fenchelsamen auf der Wiese im Herbst 2021; ein Schwalbenschwanz auf der Wegwarte mit Blick über die Wiese im Sommer 2020.

Alle Fotos: Patricia Christmann



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